Zwischen Reihenhäusern in kräftigen Farben, klaren Formen und geschwungenen Linien zeigt sich: Was Architekt Bruno Taut in den 1920er plante und realisierte, war mehr als Wohnungsbau. Es war eine Vision vom guten Leben. Die Hufeisensiedlung in Britz ist nicht nur die größte, sondern auch die bekannteste Wohnanlage des UNESCO-Welterbes „Siedlungen der Berliner Moderne“. Hier wurden neue Formen des Städtebaus erprobt, die eine Alternative zu den engen und lichtlosen Hinterhöfen der typischen Mietskasernen aufzeigen sollten. Man kombinierte Reihenhäuser mit eigenem Garten mit urbanem Geschosswohnungsbau und großzügigen Frei- und Grünflächen. Die Planung folgte dem Credo „Licht, Luft, Sonne für alle“ als Prinzip der visionären Stadtplanung. Die Ausstattung der Wohnungen war gemessen an damaligen Standards revolutionär – und ist heute aktueller denn je. Ein Jahrhundert nach ihrer Entstehung feiert die Berliner Hufeisensiedlung Jubiläum. Das Programm: ein Symposium und ein dreitägiges Begleitprogramm aus Filmvorführungen, Ausstellung, Buchpräsentation und Architekturführungen. Dafür öffnet das denkmalgeschützte Ensemble in Neukölln-Britz am Wochenende (17.–19.10.2025) seine Türen für alle, die Architekturgeschichte nicht nur lesen, sondern erleben wollen.
Die Vernissage am Freitag (17.10.) führt in die Geschichte der GEHAG-Mietermagazine: „Von Gestaltungsvorschlägen zur NS-Propaganda – Die Mietermagazine von EINFA und GEHAG 1930–1939“ – ein eindrücklicher Blick auf die gesellschaftlichen Brüche jener Zeit. Am Samstag (18.10.) laden Expert:innen zu Spaziergängen durch das UNESCO-Welterbe – vorbei an Gärten, Innenhöfen und durch farbige Zeilen. Wer Glück hat, ergattert noch einen Platz für die Tour „Utopie und Idylle“ oder den Besuch von Tautes Heim, einem rekonstruierten Musterhaus, das heute als Museum und mietbare Unterkunft geführt wird. Der Sonntag (19.10) gehört den Stimmen und Geschichten: Im Kulturstall Britz diskutieren und bringen Architekt:innen, Forscher:innen und Bewohner:innen Perspektiven zusammen: von der Reformbewegung der 1920er über Gleichschaltung und Wiederentdeckung bis hin zu dem, was wir heute aus dem Wohnungsbau der 1920er Jahre lernen können. 100 Jahre nach der Grundsteinlegung steht die Hufeisensiedlung nicht nur für die Geschichte des Neuen Bauens, sondern auch für die Kraft zivilgesellschaftlicher Initiativen, die das Erbe lebendig halten. Zwischen Theorie, Nachbarschaft und Welterbe – dieses Jubiläum zeigt: Gute Architektur altert nicht, sie wächst mit.
Text: Milena Kalojanov / Fotos: Ben Buschfeld
Hufeisensiedlung, Fritz-Reuter-Allee 44, 12359 Berlin–Britz; Stadtplan
Symposium und Begleitprogramm: 17.–19.10.2025
@triennale_der_moderne


