Es gibt wohl kaum etwas auf dieser Welt, das die Stimmung so sehr hebt wie Eis – umso tragischer ist es, mit anzusehen, wie Menschen schon vor Öffnungszeit bei Cousins vorbeischauen. Während Kavita und Marieke noch aufbauen, versammeln sich Berlins Lebenskünstler:innen vor der Terrasse, bereit für großzügige Kugeln, als hätte jemand eine Art Eis-Bat-Signal ausgesendet. Eine Kreidetafel, strategisch platziert, um den Eingang zu blockieren, und mit den Sorten der Woche beschriftet, signalisiert, dass noch geschlossen ist – doch sie weckt die Neugier eher, als sie zu bremsen. Wer es kaum erwarten kann, seinen Gaumen zu verwöhnen, nimmt diese Nachricht zunächst betrübt zur Kenntnis, hellt sich aber schnell wieder auf, sobald man hört, man solle in einer Stunde wiederkommen.
Geduld ist eine Tugend, und die Torheit derjenigen, die sich woanders einen Eis-Ersatz suchen, kann nicht genug betont werden. Warum? Weil das Eis bei Cousins so gut ist, dass sogar Vanille sich mal wieder schlecht fühlen darf. Andererseits handelt Cousins gar nicht mit schlechten Gefühlen – der ganze Geist des Ladens dreht sich darum, den Raum mit Freund:innen, Familie und Neuankömmlingen gleichermaßen zu teilen.
Kavita und Marieke haben Cousins eröffnet, um die Vielfalt der Freund:innen in ihrem Umfeld zu feiern – ihre Leben, Erfahrungen und Geschichten. Jede Sorte ist eine Hommage an die Menschen, die sie lieben, und an die Communities, denen sie angehören, und bringt Gerichte und Zutaten aus aller Welt auf einzigartige Weise zusammen. Deshalb weckt ein Besuch bei Cousins bei manchen Kindheitserinnerungen, während er bei anderen ganz neue schafft. „Wir haben keine langweiligen Freund:innen“, sagt Kavita lachend. „Deshalb ist auch keine unserer Sorten langweilig.“
Slushies aus echter Frucht kitzeln die Geschmacksknospen, und Sorten, die von Gochujang-Karamell bis hin zu seidigem Tofu mit Erdnusskrokant und frischem Koriander reichen, entfachen ein Gefühl irgendwo zwischen Tagtraum und Halluzination. Ein besonderer Publikumsliebling ist der „Kaylin“, ein Tamarinden-Slushie mit Zeder-Limettenblatt-Eis, der eine belebende und paradoxe Kombination aus Säure und samtiger Süße liefert, die zugleich kräftig und subtil wirkt.
Kavita und Marieke kreieren außerdem jede Woche eine Geheimsorte, bei der Besucher:innen sowohl die Zutaten als auch das Gericht erraten können, das sie inspiriert hat. Und wie bereits erwähnt: Bei Cousins ist Platz für alle. Hier weicht die Skepsis von Nörgler:innen und sogenannten Purist:innen der Freude, sodass selbst die mürrischsten Kund:innen zufrieden von dannen ziehen. „Wenn ich die Griesgräme lächeln sehe, gibt mir das eine hellere Sicht auf die Welt“, sagt Marieke – und ich merke, dass sie nicht übertreibt. Ich weiß jedenfalls, dass ich meinen eigenen Cousin, der diese Woche zu Besuch ist, später noch dorthin mitnehmen werde!
Text: Michael Kugler / Fotos: Robyn Steffen
Cousins, Paul-Lincke-Ufer 40, 10999 Berlin–Kreuzberg; Stadtplan
@cousins.icecream


