Fujiko Nakaya braucht keinen Ton für ihre Skulpturen. Sie haut sie weder aus Mamor, noch fräst sie sie aus Holz. Das wichtigste Material der 92-jährigen Künstlerin ist alltäglich und doch schwer zu greifen: der Nebel. „Die Atmosphäre ist die Form, der Wind ist der Meißel,“ sagt sie über ihre Arbeiten. Sie begreift sich als Formerin, aber modelliert nicht. Sie schafft lediglich die Bedingungen, damit die Natur sich ausdrücken kann. Als ich ihre Installation 2022 zum ersten Mal im Haus der Kunst in München sah, verbrachte ich, ohne es zu merken, fast einen ganzen Nachmittag im Museum. Ich folgte den Wolken vom Innenraum nach draußen, in den Englischen Garten. Mal hingen sie in dichten Schwaden, mal als feiner Schleier. Ich blieb still, als der Nebel langsam lichter wurde und sich auflöste, nur um sich unmittelbar hinter mir wieder zu formen. Seither hatte ich das Glück, Nakayas Arbeiten an unterschiedlichen Orten, in der Natur und inmitten von Architektur, zu erleben: in einem Park drei Stunden von Bangkok entfernt, in einem Museum in Tokyo und im Skulpturengarten der Neuen Nationalgalerie. In Mies van der Rohes Bau sind ihre flüchtige Nebelinstallationen – nach dem Erfolg im letzten Jahr – auch diesen Sommer wieder zu sehen.
In Kontrast zum Marmor, Stahl und Glas entsteht hier ein besonderer Zwischenmoment: Nakayas Nebel löst die strengen, eleganten Formen des Hauses auf. Zwischen 10 und 17 Uhr bleibt zur vollen und halben Stunde für knapp zehn Minuten lang die Zeit stehen: Dann gehört der Raum dem Nebel. Man kann sich in und mit ihm bewegen oder der Wolkenchoreografie durch die breite Glasfassade betrachten – ein Schauspiel auf einer 90 Meter breiten Leinwand. Die tonnenschweren Skulpturen von Henri Laurens und Wolfgang Mattheuer verlieren ihr Gewicht, sobald sie von den Wolken bedeckt liegen. Der Nebel umspielt ihre Konuturen sanft, entfaltet erst nach und nach seine stille Präsenz. In wenigen Minuten und ohne Anstrengung lässt Nakaya die massiven Skulpturen fast vollkommen verschwinden. Hier und da ist nur noch ein Sockel, ein Fragment, ein Stück Bronze oder Stein, zu sehen. Nach und nach tauchen sie dann wieder auf: Alicia Kwades Goldelse mit dem wehenden Rock sieht aus, als würde sie auf Wolken gehen. Immer donnerstags ist die Nebelinstallation sogar bis 19 Uhr zu sehen. Ein kurzer Moment zum Innehalten, Meditieren, Durchatmen nach der Arbeit. Besser kann man den Feierabend wohl nicht einläuten: Denn wie Nakayas Skulpturen lösen sich im Garten der Nationalgalerie dann auch die Gedanken ans Büro in Luft auf.
Text: Laura Storfner / Fotos: Neue Nationalgalerie, Stiftung Preußischer Kulturbesitz, David von Becker
Neue Nationalgalerie, Potsdamer Str.50, 10785 Berlin–Tiergarten; Stadtplan
Fujiko Nakaya: Nebelskulptur im Skulpturengarten der Neuen Nationalgalerie bis 25.10.2026. Die Skulptur startet zur vollen und halben Stunde zwischen 10 und 17h, am Donnerstag bis 19h.
@neuenationalgalerie


