Die besten Entscheidungen beginnen aus einem Bauchgefühl. Auch Senlë Studio startete nicht mit einem klaren Konzept, sondern fast aus Versehen. Gründerin Faye ist seit Langem „incense-obsessed“, ihre Sammlung räucherbarer Raumdüfte im Freund:innenkreis bestens bekannt. Als sie sich eine Katze zulegte, begann sie, eigene Düfte zu mischen. Denn: Viele Räucherstäbchen sind für Tiere giftig. Senlë entwickelte schnell eine Eigendynamik. Im Sommer 2025 fand Faye kurzerhand einen eigenen Laden am Boxi. Seit Herbst gibt sie dort auch Workshops. Bei Senlë beginnt Lernen mit einem sogenannten Incense-Tasting. Unser Geruchssinn, geprägt von künstlichen Düften, muss Nuancen neu erlernen. Jede Person bringt ihr eigenes Duftgedächtnis mit, geformt durch Kultur, Erinnerungen und Erfahrungen. Die Zutaten erzählen ihre eigenen Geschichten: Weißes Sandelholz, weich und zurückhaltend, eher tragend als dominierend. Honig und Benzoe mit ihrer feinen Süße. Adlerholz aus Vietnam ist komplexer, tiefer; zunächst fruchtig, dann aprikosenartig. Manche Mischungen bewegen sich von frisch und fruchtig zu floral und holzig, andere tragen Drama in sich. Die Größe der Partikel, ihre Dichte und die Geschwindigkeit des Brennens bestimmen die Dramaturgie eines Räucherstäbchens.
Bei Senlë gibt es Kompositionen, die nach Winter schmecken: Feuerholz, ein Glas Rotwein, Datteln und Honig, deren Zutaten langsam in chinesischem Reiswein gekocht wurde. Gedämpft, gekocht, gerührt, für die beste Geruchspalette: Räucherstäbchen wie ein Gericht. Räucherwerk blickt auf eine über zweitausendjährige Geschichte zurück, mit Wurzeln in China, dann Japan und Indien und dem Nahen Osten. Jede Region entwickelte eigene Duftpaletten aus lokalen Kräutern und Materialien. In China war Räuchern lange eine gesundheitsbezogene Praxis der Oberschicht, die Gerüche bitter, krautig, fast herzhaft. Viele heutige Formen sind japanisch geprägt oder verbinden unterschiedliche Traditionen. Senlë knüpft daran an, ohne nostalgisch zu werden. What you see is what you smell. Kräuter, Blüten, Hölzer, Harze. Lernen bedeutet hier, synthetische Duftlogiken zu verlernen — und sich daran zu erinnern, dass Geruch Zeit braucht.
Text: Inga Krumme / Fotos: Inga Krumme, Mathilde Langevin
Senlë Studio, Gärtnerstr.10, 10245 Berlin–Friedrichshain; Stadtplan
@senle.incense


