Wem gehört der öffentliche Raum? Wenn es nach dem KW Institut geht, dann ist die Antwort eindeutig: der Künstlerin Klara Lidén. Sie hat, so der Titel eines ihrer frühesten Selbstporträts von 2005, die „Schlüssel zur Stadt“. Auf dem Foto öffnet Lidén in spielerischer Schwarzmarktpose verschwörerisch ihren Trenchcoat. Im Mantelinnenfutter hängen Bolzenschneider, Zangen und Schraubschlüssel. Es ist das Werkzeug, mit dem sie sich bis heute Städte erschließt. Mit dieser Ausrüstung hat sie ihren Eroberungsfeldzug von den Straßen Stockholms, New Yorks und Berlins in Galerien und Museen weltweit angetreten. Der urbane Raum ist bis heute Lidéns Bühne und ihr Materiallager. Ihre Skulpturen, Performances, Fotografien und Videoarbeiten entstehen direkt auf dem Gehweg, in Zügen, Unterführungen und Parks. Dabei bricht sie nicht nur Großstadtanonymität und kosmopolitische Verhaltenscodes. Indem sie die Zentren bis zu den Rändern und hinter Absperrungen erkundet, zeigt sie, dass selbst an Orten mit den größten Freiheitsversprechen Grenzen und Machtgefälle verlaufen. Dank der KW wird ihr nun endlich auch in der Stadt, die sie seit zwanzig Jahren ihr Zuhause nennt, die erste institutionelle Einzelausstellung gewidmet. Auf drei Etagen bringt die Retrospektive subversive Arbeiten der letzten zwei Jahrzehnte zusammen. Oft irritierend, aber immer humorvoll, unternimmt Lidén eine Wiederaneignung des urbanen Raums. Diese Praxis, die sie im Rückgriff auf ihr Architekturstudium als „Unbuilding“ bezeichnet, kann vielerlei Gestalt annehmen: Mal performt sie, wie in „Paralyzed“ aus den frühen Nullerjahren, eine Pole-Dance-Einlage für Pendler:innen in der S-Bahn. Mal montiert sie Mülleimer und Plakatwände aus den Fußgänger:innenzonen ab und stellt sie als Readymades in den White Cube.
Lidéns Kunst nimmt Anleihen bei improvisierter Straßenkunst von Punk bis Graffiti, bedient sich aber auch lässig bei intellektuellen Schwergewichten wie Debord, Duchamp und den Affichisten. So kämpft sie – während anonyme Investor:innen unsere Innenstädte aufkaufen und zu Geisterblocks verkommen lassen – unermüdlich für das, was Metropolen im Kern so einzigartig und lebenswert macht: ihre Freiräume. Mit gefundenen Materialien aus dem öffentlichen Raum arbeitet auch der kongolesische Künstler Jean Katambayi Mukendi. Den vergangenen Herbst hat er als Artist in Residence an den KW verbracht. Ausrangiertes aus dem Lager der KW und von Berliner Recyclinghöfen überführte Mukendi, der auch gelernter Elektriker ist, in verspielte Skulpturen, die nichts mehr von ihrer eigentlichen Funktionalität besitzen. Seine Fantasiegebilde sind auch als Metaphern für die Ungleichheit in seiner Heimat, der Demokratischen Republik Kongo, zu verstehen. Eine Stadtlandschaft mit all ihren Hierachien in Klänge übersetzen, das vermochte Else Marie Pade. Die KW widmet der dänischen Komponistin, Technopionierin und NS-Widerstandkämpferin eine einfühlsame Audioausstellung: Zehn ihrer wichtigsten musikalischen Arrangements sowie Arbeiten auf Papier stellen die 2016 verstorbene Vertreterin der Musique concrète erstmals einer breiten Öffentlichkeit vor. Ihre „Symphonie magnétophonique“ erzählt von 24 Stunden in Kopenhagen in einem Klangbild. Wenn Klara Lidén die Schlüsselhüterin der Stadt ist, dann war Else Marie Pade die Bewahrerin des urbanen Sounds. Beide hatten eine klare Botschaft: Am Ende gehört der urbane Raum nicht den Mächtigen, sondern uns.
Text: Laura Storfner / Fotos: David von Becker, Frank Sperling
KW Institute for Contemporary Art, Auguststr.69, 10117 Berlin-Mitte; Stadtplan
Klara Lidén: Kunstwerke bis 10.05.2026
Jean Katambayi Mukendi: Ratio bis 10.05.2026
Else Marie Pade: Partitur bis 10.05.2026
@kwinstituteofcontemporaryart


