Einer der berühmtesten Architekten ever ist Ludwig Mies van der Rohe. Und wie alle Architekt:innen hat der Gute den Anspruch gehabt, alles zu entwerfen. Unweit eines seiner bedeutendsten Bauwerke, der Neuen Nationalgalerie, geht es in der Ausstellung „Haus Lemke – Die Möbel von Mies van der Rohe und Lilly Reich“ im Kunstgewerbemuseum jetzt um eines seiner kleineren Häuser – und das dazugehörige Möbeldesign. Erbaut 1932/33 in Alt-Hohenschönhausen auf einem Seegrundstück nach Entwürfen des großen Meisters, ist das Gebäude heute als „Mies van der Rohe Haus“ bekannt. Die Ausstellung ist nicht sonderlich groß, gibt Mies Fans aber das, wofür sie herkommen. Furnierte Einbauschränke die sich in eigens dafür kuratierte weiße Nischen schmiegen, ein Bett und ein sehr langes Sofa, Thonet Freischwinger und, wie es sich damals gehörte: eine sleeke Büroausstattung in edelstem Tropenholz. (Die meisten Möbelentwürfe sind übrigens Lilly Reich und dem ehemaligen Mitarbeiter Friedrich Hirz zugeschrieben. In vielen Credits zu den Werken ist Lilly Reichs Name mit Fragezeichen versehen, wie das so ist mit den Frauen an den Seiten der Bauhaus-Männer der damaligen Zeit.) An der Wand: große Zitate wie „Im weiß gestrichenen, fast leeren Raum steht heute das Wenige, nur äußerst Notwendige an Einrichtung.“ Ok, sure. Das Schönste an der Schau ist eigentlich der Kontext: ich muss bei meinem Besuch suchen, im Untergeschoss und hinter den Memphis Milano Möbeln finde ich endlich Mies.
Und wie könnte es unpassender sein, als strenge Holzmöbel hinter bunte Regale und alberne Stühle zu stellen? Mies hätte es gehasst, ich aber hatte meine Freude. Und überhaupt zeigt das Schlendern durch die weiteren Geschosse, dass sich ein Besuch im Kunstgewerbemuseum immer lohnt. Besondere Highlights: Sämtliche schrulligen Wassergefäße des Mittelalters in Tierform, zarteste venezianische Glasarbeiten, die ganze weißbunte Gloria des Rokokoporzellans und überhaupt und ganz generell: Gefäße – in jeder Ausführung. Also: kommt ruhig für Mies, meinetwegen, aber bleibt für den Rest, denn der Besuch zeigt: Kunst und Gewerbe kommen in mehr Dingen zusammen als nur strengen Holzmöbeln.
Text: Inga Krumme / Credits: Stephan Klonk; Haus Lemke, Arbeitszimmer mit Innenausstattung. Entwurf: Mies van der Rohe und Lilly Reich (?), 1934/35, Fotografie: Max Krajewsky, Berlin, 1937 (Originalabzug im Kunstgewerbemuseum – Staatliche Museen zu Berlin)
Kunstgewerbemuseum, Matthäikirchplatz, 10785 Berlin–Tiergarten; Stadtplan
Haus Lemke – Die Möbel von Mies van der Rohe und Lilly Reich
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