Was hat Musik in einem Kunstmuseum zu suchen? Das ist eine der Fragen mit denen Co-Kuratorin Sachiko Namba die Ausstellung „Ryuichi Sakamoto | seeing sound, hearing time“ einleitet. Es ist die erste große Retrospektive des japanischen Künstlers und Komponisten in Europa. Heute Abend eröffnet sie in den Rieckhallen des Hamburger Bahnhof.
Zwischen Umweltschutz und Aktivismus, Film, Performance, elektronischer Musik und Pop – es ist schwierig, den Finger genau darauf zu legen, was Sakamoto ausmachte. Ende der 70er wurde er als Mitbegründer des Yellow Magic Orchestra in Tokio international bekannt. Die Gruppe verband elektronische Musik, Synthesizer-Technologien und digitale Produktionsweisen, lange bevor „Ambient“ und „Techno“ gängige Begriffe wurden. Ab Mitte der 2000er begann er damit, Musik im Raum zu installieren. Musik sei eine Kunstform, die nur in der Zeit existiert, sagte Sakamoto. Die Arbeit mit Klang als räumliche und visuelle Kunstform rückte zunehmend ins Zentrum seines Schaffens. Er entwickelte dreidimensionale Klangräume und arbeitete dabei eng mit Künstler:innen und Filmemacher:innen zusammen.
Seine Installationen beschäftigen sich mit Wahrnehmung, Zeit, Natur, Technologie und Vergänglichkeit. Zusammenarbeit war dabei ein grundlegendes Prinzip seiner Kunst. Allen Kollaborateur:innen voran steht wahrscheinlich alva noto, oder Carsten Nicolai, mit dem er etwa die Filmmusik für „The Revenant“ (2015), einige Alben co-produzierte und mit dem ihn eine enge Freundschaft verband. Ein Raum wurde von ihm jetzt, dreieinhalb Jahre nach Sakamotos Tod, in der Ausstellung gestaltet: zwei Filmprojekte unterlegt von Tracks aus Sakamotos letztem Album „12“ werden dort gezeigt. Fünf große schwarz-tapezierte Installationsräume wurden insgesamt für die Schau geschaffen, allesamt geprägt von den unverkennbaren Texturen, Kratzern und Klängen des Meisters.
Man könnte Tage in dieser Ausstellung verbringen und jegliches Gefühl von Zeit vergessen, oder vielleicht vielmehr alle Zustände der Zeit durchleben und sich darin verlieren. Wie verändert Musik unsere Wahrnehmung von Zeit? Wie schafft sie Räume, in denen verschiedene Zeitebenen gleichzeitig stattfinden können? Wo kommen darin Umwelt und Kunst zusammen? Und welche Verantwortung tragen wir? Große Fragen, denen sich Sakamoto stellt, und wir uns spätestens beim Betreten der Ausstellung. Aber man solle es einfach halten zwischen all den Fragen, endet Sachiko Namba ihre Einführung. Ihr Rat: „Just enjoy the show“.
Text: Inga Krumme / Credits: Ryuichi Sakamoto „seeing sound, hearing time“, Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart, abgebildete Werke: async-immersion, 2023, TIME, TIME, 2024, Ryuichi Sakamoto + Shiro Takatani & IS YOUR TIME, 2017/24, Ryuichi Sakamoto mit Shiro Takatani © The Estate of Ryuichi Sakamoto / KAB Inc.
Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart, Invalidenstr.50, 10557 Berlin–Mitte; Stadtplan
Ryuichi Sakamoto „seeing sound, hearing time“ 11.09.2026 – 20.06.2027
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