DER ERSTE FIESE TYP — EIN THEATERABEND ZWISCHEN SELBSTKONTROLLE UND GEFÜHLSCHAOS

DER ERSTE FIESE TYP — EIN THEATERABEND ZWISCHEN SELBSTKONTROLLE UND GEFÜHLSCHAOS

Du hast noch nie von Miranda July gehört? Und Du kennst Maren Eggert nicht? Falls Du hier noch zögerst, solltest Du Dir (dennoch) dringend ein Ticket für „Der erste fiese Typ“ am Deutschen Theater Berlin besorgen. Nach dem gleichnamigen Roman der US-Autorin und Künstlerin Miranda July steht bei dem Stück nämlich die besagte Maren Eggert auf der Bühne – für mich eine der spannendsten Schauspieler:innen der deutschen Film- und Theaterlandschaft. Dieser Abend im Deutschen Theater ist ein absurd komischer und herrlich schräger Monolog über Beziehungen. Maren Eggert spielt Cheryl, eine Frau Anfang 40, die glaubt, ihr Leben mit selbst erfundenen Regeln, maximaler Selbstkontrolle und einer äußerst aktiven Fantasie perfekt organisiert zu haben. Bis sie sich in ihrem eigenen System verheddert. Regisseurin Sarah Kurze inszeniert den Stoff als Monolog und öffnet Cheryls Gedankenwelt zwischen Komik und Melancholie. Hinter der scheinbar aufgeräumten Oberfläche der Protagonistin verbirgt sich vor allem eines: emotionale Leere und die große Unsicherheit darüber, wie Nähe zwischen Menschen eigentlich entsteht. Wie lasse ich mich überhaupt auf andere Menschen ein? Für die Hauptdarstellerin des Stücks ist ihre ganz eigene Logik und Ordnung alles: bloß keine unnötigen Wege im Haus, Essen wird direkt aus der Pfanne konsumiert, und Bücher kann man direkt vor dem Regal lesen. Ihr perfekt durchorganisiertes Leben gerät allerdings gründlich ins Wanken, als plötzlich die deutlich jüngere, unangepasste Clee bei ihr einzieht und diese Begegnung sie zwingt, ihre eigene „Software“ upzudaten.

Zwischen Selbstverteidigungsvideos, Tagträumen und Gefühlschaos muss sich Cheryl fragen, ob sie die Welt und sich selbst vielleicht komplett falsch gelesen hat. 105 Minuten lang pendelt Maren Eggert in der Romanadaption von Miranda July zwischen Ernsthaftigkeit und lakonischer Ironie – und das ist grandios skurril, bisweilen absurd anzusehen und intelligent zugleich. Eine schauspielerische Meisterleistung, die diesen Abend trägt. Chapeau! Das Ergebnis ist ein kluger und witziger, überraschend zärtlicher Theaterabend über Selbstschutz, Selbstbestimmung, Projektionen und den Moment, in dem Fantasie auf Realität trifft.

Text: Milena Kalojanov / Fotos: Jasmin Schuller

Deutsches Theater, Schumannstr.13a, 10117 Berlin–Mitte; Stadtplan
Der erste fiese Typ. Tickets für April 2026 gibt’s hier.

@deutschestheater

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