Cee Cee Creative Newsletter Book Neighborhood Map Lessons
Stadtplan
Information
archive temp
loop temp
IRGENDETWAS IST PASSIERT: EIN THEATERSTÜCK VON UND MIT FABIAN HINRICHS — EMPFOHLEN VON ANTJE DRINKUTH

IRGENDETWAS IST PASSIERT: EIN THEATERSTÜCK VON UND MIT FABIAN HINRICHS — EMPFOHLEN VON ANTJE DRINKUTH

Irgendetwas ist passiert“ heißt das neue Stück von und mit Fabian Hinrichs an der Berliner Volksbühne. Der beiläufige Titel trifft präzise den Zustand, den der Abend verhandelt: das diffuse Gefühl, dass die Welt aus den Fugen geraten ist, während der Alltag unbeirrt weiterläuft. Hinrichs steht allein auf der Bühne und spielt in einer Doppelrolle das Paar Claudia und Paul im rasanten Ping-Pong. Ihre Dialoge schwanken zwischen Trennung und Nähe, Verzweiflung und banaler Intimität. Wenn Paul nach einem Streit vorschlägt, gemeinsam Nachrichten zu schauen und eine Massage anbietet, verdichtet sich darin die Ambivalenz einer Beziehung, die einst von großer Liebe getragen war – entstanden an jenem Abend, als in Fukushima ein Reaktor explodierte. Weltgeschichte und private Biografie sind von Beginn an verschachtelt. Diese Verbindung zieht sich durch den gesamten Abend. Hinrichs spielt mit der ihm eigenen nervösen, klugen und selbstironischen Präzision. Er klagt Leben, Liebe und den politischen Wahnsinn an – zwischen Angriff und Kapitulation. Während im minimalistischen Einfamilienhaus über Salat oder eine überteuerte Küchenarbeitsplatte gestritten wird, brechen über Ton und Bild Kriegsgeräusche, Nachrichtenfragmente und Gewaltbilder herein.

Claudia zieht sich zurück, schaut Pornos, dann wieder wird der Krieg in der Ukraine und Israels Gewalt in Gaza verhandelt. Vor dem Schlafengehen läuft American Psycho, unmittelbar danach erscheinen Bilder zerstörter Städte. Der Wunsch, den Fernseher einzuschlagen, wird zum Ausruf einer permanent informierten und zugleich ohnmächtigen Generation. Die Gegenüberstellung von bürgerlicher Komfortzone und globaler Katastrophe treibt das Stück an seine moralische Grenze. Luxuswerbung flimmert auf, private Dialoge und politische Abgründe werden ineinander geschoben. Wut, Überforderung und leise Töne wechseln sich ab. Dramaturgie und Technik sind so ausbalanciert, dass in neunzig Minuten keine Sekunde Langeweile aufkommt. Erinnerungen an die „Pollesch-Soloabende“ werden geweckt, zuletzt „Ja nichts ist ok“. Doch Hinrichs geht hier einen Schritt weiter: Gemeinsam mit seiner Frau Anne Hinrichs entstanden, ist das Stück radikal persönlich und fokussiert die existenziellen Zweifel einer Beziehung in Zeiten multipler Krisen. Dass Kritiker:innen dem Stück Boulevardhaftigkeit und seine Moral vorwerfen, war erwartbar. Doch gerade seine Unmittelbarkeit trifft einen wunden Punkt unserer Gegenwart: informiert, überfordert, privat verstrickt – und politisch gelähmt. Ein Theaterabend, der wehtut, klug ist und lange nachhallt. Geht rein!

Text: Antje Drinkuth / Fotos: Apollonia Theresa Bitzan

Antje Drinkuth ist Professorin für Modedesign und lebt seit 1987 in Berlin.

Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Linienstr.227, 10178 Berlin–Mitte; Stadtplan

Irgendetwas ist passiert“ von Fabian Hinrichs und Anne Hinrichs, 08. & 15.02. (ausverkauft), 14. & 22.03.2026. Tickets gibt’s hier.

@volksbuehne_berlin
@antje_drinkuth

cee_cee_logo
DER KLEINE AUGUST: EIN NEUER, BELEBTER ORT FÜR FRANZÖSISCHE WEINE IN MITTE — EMPFOHLEN VON FIONA LAUGHTON

DER KLEINE AUGUST: EIN NEUER, BELEBTER ORT FÜR FRANZÖSISCHE WEINE IN MITTE — EMPFOHLEN VON FIONA LAUGHTON

Manche Entdeckungen fühlen sich ganz und gar nach Berlin an: eine ruhige, von Galerien gesäumte Straße, ein sanftes Leuchten hinter den Fenstern der Auguststraße in Mitte – hier hat man sofort das Gefühl von Ankommen. Warm, unprätentiös und voller Energie ist Der Kleine August genau die Art von Bar, die einen hineinzieht: Das Interieur bleibt bewusst zurückhaltend – strukturierte Oberflächen, weiches Licht, Regale gefüllt mit französischen Flaschen. Das Team in seinen bleu de travail-Jacken gibt den Ton schnell vor – herzlich und aufmerksam. Französische Weinkultur steht hier im Mittelpunkt, aber ohne steife Förmlichkeit. Das Team hat eine durchdachte Weinkarte kuratiert und stellt diese in zugänglichen, lebendigen Gesprächen den Gäst:innen vor. Egal, ob man einfach ein Glas Wein trinken will oder gern tief in Terroir-Themen eintaucht – hier findet jede:r den passenden Einstieg. Die Auswahl folgt Charakter statt Trends. Dazu gesellen sich kleine Gerichte, die mühelos mithalten: frisch aufgeschnittene Charcuterie, sorgfältig ausgewählte Käse, Sardinen aus der Dose – Pairings, die ergänzen, statt zu konkurrieren. Alles lädt zum langsamen Nippen, Teilen und zum längeren Bleiben ein. Das Besondere hier ist die Stimmung: Der Kleine August wirkt lebendig, ist aber gleichzeitig entspannt; intim, ohne sich abzuschotten. Ein Ort für erste Dates, die im Hintergrundrauschen verschwinden, für Freund:innenrunden um kleine Tische und für Solo-Gäst:innen, die mühelos in den Rhythmus des Raums eintauchen. Wer am Tresen Platz nimmt, wird genauso gut beherbergt wie bewirtet. Alle, die in Mitte eine neue Weinbar suchen, die Qualität und Zugänglichkeit verbindet, sind beim Kleinen August genau richtig. Eine frische Bereicherung für die Nachbarschaft – und eine, die sich jetzt schon wie ein fester Bestandteil anfühlt.

Text: Fiona Laughton / Fotos: Marie Staggat

Fiona Laughton ist Strategin, Autorin und Gründerin von Present For The Future. Ursprünglich aus Melbourne, Australien, lebt sie seit 2013 in Berlin.

Der Kleine August, Auguststr.23, 10117 Berlin–Mitte; Stadtplan

@derkleineaugust

cee_cee_logo
AUTHENTISCH GEORGISCHE KÜCHE BEI DAIA ENTDECKEN — EMPFOHLEN VON NICOLE ERNST

AUTHENTISCH GEORGISCHE KÜCHE BEI DAIA ENTDECKEN — EMPFOHLEN VON NICOLE ERNST

Im kleinen, kulinarisch-exquisiten Bermudadreieck des skandinavischen Viertels konnte jüngst ein neues Mitglied im Oktober 2025 willkommen geheißen werden. Neben Estelle, Omoni und Terese – alle herausstechend einzigartig – gibt es hier nun auch das Restaurant Daia. Die Schwestern Tamuna und Tatia, zusammen mit Demna (genau, nicht der von Martin M), haben es sich zur Aufgabe gemacht, Herzlichkeit, Wärme und ein Gefühl von Familie zu schaffen, das sie ihren Gäst:innen neben authentisch georgischem Essen angedeihen lassen möchten. Denn Familie ist das, was für die Drei über allem steht. In ihrer Heimat Georgien sind das Kochen und das Teilen von Speisen um den Küchentisch Ausdruck von Liebe und Verbundenheit. Und genau das möchten die beiden auch an ihre Gäst:innen weitergeben. So treffen im Gastraum Tradition und hiesige Klarheit aufeinander: alte, massive Holztische, sanfte, höhlenartige Farben und behagliche Beleuchtung, kontrapunktiert durch eine helle Bar, dem Herzstück, dessen Glasbausteine als lichte Insel erstrahlen. Das ganz besondere Schmuckstück ist der vom Team gebaute, einsehbare Ofen, der zugegebenermassen ziemlich instagrammable in Neon von seiner Bestimmung erzählt – auf georgisch natürlich; in unsere lateinische Schrift übersetzt würde das Wort etwa „Sazkchobi“ ausgesprochen und heißt soviel wie „Bäckerei“. Hier werden die Khachapuris einfach, aber zur Perfektion aus vier Zutaten butterweich gebacken. Nicht nur am Ofen, auch im Service wirst Du umsorgt von Menschen, die wissen, wovon sie reden. Am liebsten auf Georgisch – das zu verstehen allerdings, täte sich nicht nur die kosmopolitisch-stoische Berliner:in schwer.

Die Vielfalt der Speisen aufzuzählen wäre ein rahmensprengendes Unterfangen, jedoch wisse der:die geneigte Gäst:in, dass er:sie sich von Ost nach West, von Nord nach Süd, oft vegetarisch und vegan durch das kulinarische Georgien essen kann. Serviert werden prägnante Gerichte, die zumeist familiär verwurzelt sind. Geschmacklich sind diese so anders und besonders – man muss sich einfach durchprobieren. Hervorzuheben ist für mich hier Kharcho: eine Schöpfung der Großmutter der Schwestern, aus dem georgischen Westen; ein Gericht, das historisch bedingt in Ermangelung von Fleisch einem Braten nachempfunden wurde und als knuspriges Blumenkohl-Gericht bei Daia auf den Teller kommt. Serviert – wie so vieles auf dem georgischen Teller – mit einer Variation von Walnüssen; Walnüsse sind so etwas wie die „National-Knabberei“ Georgiens. Wobei man sie weniger knabbert, als vielmehr unterschiedlichst zu Pasten etc. verarbeitet. Beim Einkauf wird, wie tatsächlich spürbar bei allem, auf Qualität geachtet. Es gibt bei Daia viel zu erfahren und zu lernen. Frage – es wird Dir freudig geantwortet. Ich meine, wer wusste schon, dass Georgien ein eigenes Alphabet hat, seine Sprache und Identität über Jahrhunderte gegen jedwede Besatzer:innen bewahrt und den Wein erfunden hat!? Ja, genau. Von Pet Nat über Orange Wine zu den traditionell in vergrabenen Amphoren gereiften Weinen bis zum Tbilisi Sour – alles spricht eine Sprache: Heimat im Hier und Jetzt. Und so haben Tamuna und Tatia ihr Restaurant einfach genau danach benannt: Daia, Schwester. Denn Familie ist ihr Kern, ihr Herz und das, worum es ihnen im Restaurant geht. Daia ist eine Einladung – aufrichtig und mit Freude ausgesprochen. Und man spürt es, wenn man da ist. 

Text: Nicole Ernst / Fotos: Daia

Nicole Ernst lebt seit über 20 Jahren in der Stadt. Sie ist Schauspielerin, liebt den Himmel über Berlin und alles, was Stil, Schönheit und eine gewisse Geschwindigkeit hat.

Daia, Kopenhagener Str.69, 10437 Berlin–Prenzlauer Berg; Stadtplan

@daia_berlin

cee_cee_logo
GO RUNNING FOR HEARTS: EIN PROJEKT ÜBER FREUNDSCHAFT, VERLUST UND DEN SPIRIT DES WEITERMACHENS — EMPFOHLEN VON MARIE WEZ

GO RUNNING FOR HEARTS: EIN PROJEKT ÜBER FREUNDSCHAFT, VERLUST UND DEN SPIRIT DES WEITERMACHENS — EMPFOHLEN VON MARIE WEZ

Im Jahr 2024 verlor Go Miyazaki seinen engen Freund Robbie Dixon durch eine seltene Erkrankung, die zu Herzversagen führte. Von Trauer und Schmerz eines so plötzlichen Verlusts erfüllt, fand Go die Erinnerung an seinen Freund immer, in Tandem mit seinen eigenen Gefühlen, wenn er laufen ging. Aus dieser Überlagerung entstand Go Running for Hearts. „Ihn zu verlieren hinterließ eine Leere, die ich nicht zu füllen wusste. Beim Laufen denke und fühle ich am intensivsten, und fragte mich ständig – Wie stehe ich das durch? Wie kann ich daraus etwas Sinnvolles schaffen?“ Das Projekt begann mit dem Sammeln von Spenden, um die Herzforschung am Victor Chang Cardiac Research Institute in Australien zu unterstützen – durch Gos eigene Läufe und zusätzliche Spenden. Go wollte nicht nur die Erinnerung an Robbie lebendig halten, sondern auch Bewusstsein fürs Thema schaffen und Mittel generieren, die helfen könnten, ähnliche Verluste zu verhindern. Mit wachsender Aufmerksamkeit entschied sich Go, am Saddles100 von Satisfy teilzunehmen, einem 160-Kilometer-Ultramarathon durch die Wüste Arizonas. „Es war die härteste körperliche und mentale Herausforderung meines Lebens. Es gab Momente, in denen ich an mir gezweifelt habe – Momente voller Schmerz, Momente völliger Leere, aber auch solche, in denen ich Robbie neben mir spürte, wie er mich vorwärts pusht und mich daran erinnert, warum ich diese Reise überhaupt erst begonnen habe. Die Ziellinie zu überqueren war nicht nur ein Erfolg; es war ein eingelöstes Versprechen, eine erfüllte Widmung und ein Moment, den ich für immer in mir tragen werde.“

Gos Run in Arizona wurde vom Berliner Regisseur Jack Hare und der Kamerafrau Nela Wojaczkova dokumentiert und wird unterstützt von Salomon und dem VooStore – wo Go vielen als Head Barista im Voo Deli bekannt sein dürfte. Es ist eine bewegende Geschichte über Freund:innenschaft, Trauer, Verlust, Gemeinschaft und die Kraft des inneren Antriebs. Die Dokumentation feiert diesen Samstag (13.12.2025) Premiere, begleitet von einer Ausstellung im VooSpace. „Go Running for Hearts“ hat bisher über 5k Euro gesammelt und die Summe wird hoffentlich weiter wachsen. Um zu spenden und Gos Mission zu unterstützen, findest Du hier den GoFundMe-Link.

Text: Marie Wez / Fotos: Jack Hare

Marie Wez ist eine Redakteurin und multidisziplinäre Künstlerin aus Berlin.

VooSpace, Oranienstr.24, 10999 Berlin–Kreuzberg; Stadtplan
„Go Running for Hearts“ Charity Event 13.12.2025 11–19h. RSVP hier.

@gomyzk
@jack_hare
@nwjczk
@lumaitland
@voostore
@salomon.dach
@s246.co
@saddles100
@satisfyrunning

cee_cee_logo
CAFÉ RIBO: DIE HERZLICHSTEN MAULTASCHEN DER STADT — EMPFOHLEN VON SASCHA SILBERSTEIN

CAFÉ RIBO: DIE HERZLICHSTEN MAULTASCHEN DER STADT — EMPFOHLEN VON SASCHA SILBERSTEIN

Im Mittagsbistro Café Ribo in der Ackerstraße kocht Betreiberin Katja seit 2009 Maultaschen nach dem Rezept ihrer Mutter. Im Sommer 2015 hatte ich zum ersten Mal schwäbische Maultaschen in der Brühe – mein damaliger Partner Micha eine Weißwurst – und wir teilten einen Salat, dessen Dressing ich bis heute versuche nachzuahmen. Der Geschmack löste sofort ein nostalgisches Gefühl aus – obwohl ich aus Ost-Berlin komme und er aus Bayern. Hier spürt man die persönliche Handschrift und die Anwesenheit der Betreiberin und ihrer Familie. Katjas Mutter wäscht und bügelt täglich die weißen Tischdecken, der Vater hilft hinter dem charmanten Tresen. Im Winter wird man beim Eintreten von anderen Gäst:innen kurz wahrgenommen, bevor sie sich wieder in ihre konspirativen Gespräche vertiefen. Hier erzählt man sich über einen Teller Spätzle, wie es einem wirklich geht. Im Sommer gibt es eine weitläufige Terrasse, die in eine öffentliche Grünfläche übergeht; man sitzt unter Bäumen, trinkt eine Orangina, spielt Tischtennis, manchmal gibt es abends sogar Austern. Als ich zudem vom Ribo-Chor erfahre, wird mir klar: Neben fantastischen Maultaschen ist Ribo für viele längst so etwas wie ein Lebensgefühl, ein Verein, der sich um seine Mitglieder kümmert und in dem man gern alt wird.

Text: Sascha Silberstein / Fotos: Ruby Watt

Sascha kommt aus Berlin, Prenzlauer Berg. In der warmen Jahreshälfte betreibt sie ebenfalls einen herzlichen Ort, die Wassermühle Nebeltal in Mecklenburg. Im Winter arbeitet sie als Köchin für und mit Vadim Otto Ursus (OttoTrioPluto).

Café Ribo, Ackerstr.157, 10115 Berlin–Mitte; Stadtplan

@caferibo

cee_cee_logo