Wer die Brücke-Gruppe kennt, verbindet sie meist mit der Malerei. Die Gruppe, gegründet von den Architekturstudenten Ernst Ludwig Kirchner, Fritz Bleyl, Erich Heckel und Karl Schmidt-Rottluff, gilt heute als einer der Wegbereiter der Moderne und einer der wichtigeren Vertreter des Expressionismus. Weniger bekannt, aber nicht minder relevant, ist das Kunsthandwerk, was die Gruppe geschaffen hat. Das Brücke-Museum (wer sonst) will das wieder gut machen und hat letzte Woche (05.03.2026) die Ausstellung „Kunst Hand Werk Brücke“ eröffnet. Lange war ich in keiner Ausstellung, die so feinfühlig und rundum gestaltet ist. Das Brücke-Museum erzählt den Bezug der Künstler:innen zum Angewandten in drei Kapiteln, sortiert nach Material: Metall, Holz und Textil, mit kurzem Intro vorweg. Die Materialkapitel wurden von verschiedenen Kreativen gestaltet. Der Architekt Andrea Faraguna kuratiert die Metallarbeiten in papierenen Vitrinen und lud dafür den Künstler Vittorio ein, die Interieurs zu gestalten. Angesteckt an gefaltete Papierhemden, aufgebahrt auf abgetreppten Architekturen oder gebettet auf papierenen Kissen liegen die Schmuckstücke der Brücke darin. Ich bin mir nicht sicher, wo Kunst aufhört und Handwerk anfängt. Highlights in der Auslage: Ein Zigarettentöter für Hanna Bekker vom Rath nebst ungewohnt proportionierten Brieföffnern, und der Armreif aus gedrehten Silberstreifen von Karl Schmidt-Rottluff, den ich ganz gern selbst besitzen würde, genauso wie die sechs silbernen Teelöffel, die ihm gegenüber liegen. Weiter geht’s zum Holz, und aus den gelassenen Papierwelten stürzen Besucher:innen in eklektische Collagen von Jerszy Seymour, der dieses Ausstellungskapitel gestaltet hat – eine zeitgenössische Höhle, wie er sagt. Der in den Collagen auftretende Comic-Holzwurm ist roter Faden und Vorbote des Verfalls des Holzes und führt heiter durch die opulente Gestaltung. Man ist im besten Sinne reizüberflutet, spätestens von den Designs der Brücke: Ernst Ludwig Kirchners „Bett für Erna Schilling“ dominiert dabei den Raum, mit seinen geschnitzten Köpfen als Verbindungsstücken und all den anderen kleinen Wesen, die sich in Kopfteil und Füße schlingen und winden. Drumherum angeordnet: Gefäße, richtig gute Kästchen und natürlich Bilderrahmen.
Den abschließenden Abschnitt Textil gestaltete Künstlerin Kasia Fudakowski in Kollaboration mit dem Grafiker Santiago da Silva – und die beiden hängen die Arbeiten frei in den Raum. Centerpiece ist bestimmt die textile Gestaltung für Kirchners Atelier, gestickt von Erna Schilling nach Entwürfen des Künstlers. Autor:innenschaft, gerade an der Schnittstelle Kunst-Handwerk, ist ein großes Thema und wird von der Ausstellung auch als solches behandelt. Textilarbeiterinnen (hier muss in der Regel nicht gegendert werden) sind als Co-Autorinnen vermerkt. Die Farbpalette der Brücke ist überraschend zeitgenössisch und ihre Motive mitunter fast Camp – ich könnte stundenlang vor Erna Schillings „Sonntag in den Schweizer Bergen“ nach einem Entwurf von Ernst Ludwig Kirchner stehen und mir würde nie langweilig. Überhaupt wird in dieser Ausstellung niemandem langweilig, denke ich. Für die Schau und damit einhergehende Forschung haben sich die Kuratorinnen im vergangenen Jahr selbst als Kunsthandwerkerinnen erprobt: Eine von ihnen werkelte bei Schmuckdesignerin Elisabeth Schotte, eine beim Holzbildhauer Valentin José Kammel, und eine mit Textilkünstlerin Lisa Reichmann. Nur eines der vielen Details, die zeigen, wie viel Aufmerksamkeit in die Schau floss. Und weil im Brücke-Museum Kunst nicht ohne Handwerk gedacht wird, gibt es richtig viel Rahmenprogramm. Ab nach Dahlem zum Schnitzen, Schmelzen, Sticken. Die Brücke ruft.
Text: Inga Krumme / Fotos: Nick Ash / Credit: Karl Schmidt-Rottluff; Brücke-Museum; Karl und Emy Schmidt-Rottluff Stiftung; VG Bild-Kunst, Bonn 2026
Brücke-Museum, Bussardsteig 9, 14195 Berlin–Dahlem; Stadtplan
Kunst Hand Werk Brücke bis 21.06.2026
@brueckemuseum


