Baby es ist schon wieder Gallery Weekend (01.–03.05.2026). Die FOMO ist groß, das Angebot größer, und nicht nur wir sind überfordert. Es folgt eine Auswahl aus dem offiziellen Programm (wer Sellerie Weekend will, scrolle weiter nach unten) – wir gehen rein: Los geht’s in Mitte, wie sich das gehört. Anton Janizewski zeigt mit „Dead End“ keine leichte Kost von Jiyoon Chung, die sich mit den Prozessen und der Verarbeitung von Angst und Kontrolle im Kontext der aktuellen Verschärfung der Sicherheitspolitik auseinandersetzt. Nebenan bei BQ ruft Philipp Gufler auf zur fragmentarischen Spurensuche zum Maler Paul Hoecker (1854–1910). „Imitations of Paul“ setzt sich in Medien wie Textil und Keramik und Methodiken aus Drag (Aneignung und Transformation) mit der Biografie des Malers auseinander, dessen Karriere mit der Öffentlichmachung seiner Homosexualität damals ein abruptes Ende fand. Monty Richthofen bei Dittrich & Schlechtriem fährt seine Arbeiten einfach als Performance durch die ganze Stadt: „Hard 2 4get“ führt Richthofens Werk der krakeligen Tags von der Leinwand zurück ins Urbane, full-circle-moment seiner nahbaren Claims in Sprühfarbe. Die Strecke der betaggten Transporter-Flotte gibt’s auf der Seite der Galerie einzusehen. In der Leipziger Straße erwartet uns die „Brutes des nuits“ bei Sweetwater: Großformatige Siebdruckarbeiten der Künstlerin Hanna Stiegeler. Motiv: Das Bett, was sie mit ihrem Kind teilt, aufgenommen in der pixeligen Auflösung ihres Babymonitors.
Nebenan bei Klemm’s wird der kolumbianische Künstler Juan Pablo Echeverri gezeigt. Zwischen viel Raster, viel Porträt und viel Selfie stellen die Arbeiten noch heute nach dem Tod des Künstlers gefestigte Vorstellungen von Geschmack in Frage. Campe Stereotypen werden weiter überzeichnet, so weit, dass man nie weiß, wo Humor aufhört und Ernst anfängt. Eine schöne Herausforderung für das Publikum an diesem Wochenende. Carlier Gebauer zeigt Konzeptkünstlerin Nida Sinnokrot mit ihren „Rubber-Coated Rocks“, stellt sie als Relikte zwischen Gewalt und Verspieltheit in den Raum. Daneben „Water Witness“: Skulpturen aus Keramikgefäßen, Bewässerungsventilen, aufrecht angeordnet, sprechen vom Speichern und Fließen. Wir fließen auch weiter und machen einen kleinen Umweg zu Ebensperger, wo Göksu Kunak „Remains“ performt. Es warten Bodybuilder, Karate- und Grappling- Kämpfer:innen, eine Pole-Tänzerin, Akrobat:innen und Growler, die den Raum mit Körper, Textfragment und Zeichnung befüllen. Die Terminübersicht gibt’s hier. Weiter nach Schöneberg: bei Galerie Judin in der Tankstelle wird’s melancholisch-zweifarbig, Adam Lupton malt in Rot und Blau: Szenen aus der Wohnung, überhaupt gern Selbstbilder in vogelperspektivenartiger Manier, viel Ziegel (bietet sich an). Man fühlt sich schnell daheim in seinen Bildern – Momentaufnahmen eines endlosen unproduktiven Selbstchecks. Bei Isabella Bortolozzi trifft man auf Adam Gordon, einen malenden Bodybuilder. Do I need to say more? Die ersten Bilder halten sich vage, aber ich bin intrigued. Vom Schöneberger Ufer läuft man entweder direkt Richtung Fasanenstraße, oder macht einen Abstecher nach Moabit zu Alexander Levy, wo Anne Duk Hee Jordan aus der Galerie eine Art multisensorisches Spaceship an Farben und reflektierenden Oberflächen macht, wenn man den Teasern trauen darf. Jetzt aber endlich in die Fasanenstraße, kommt man ja nicht drumrum. Galerie Buchholz zeigt Yuji Agematsus „Zips“, Miniskulpturen aus Müll, den der Künstler auf Spaziergängen einsammelt. Eingeschlossen in Zellophanhülsen von Zigarettenschachteln werden 366 dieser Zips im ersten Teil der Schau in der Galerie gezeigt, bis dann im Juni 2026 ein zweiter Teil der Ausstellung folgen soll. Letzter Stopp: Societé mit Wynnie Mynerva, bei deren Show es um Liebe geht, oder das Fehlen ebendieser. Dabei will Mynerva über die Vorstellungen und Konnotationen der romantischen Liebe hinausgehen und deren Malerei und Videoarbeiten um das aufbauen, was uns am Ende allen zugrunde liegt: dem Bedürfnis, mit anderen Menschen in Kontakt zu treten. Am Ende ist also alles wie immer: viel zu sehen, viel gesehen zu werden und immer mindestens eine Galerie zu wenig besucht. Zwischen Intimität und Intervention, zwischen Prosecco und Zigarette, zwischen Smalltalk und dem nächsten Taxi sehen wir uns am Wochenende.
Text: Inga Krumme / Credits: Yuji Agematsu, Zip: 01-01-2024–12-31-2024, 2024 (Detail), Photo: Reggie Shiobara, Courtesy of Yuji Agematsu and Galerie Buchholz; Monty Richthofen, HARD 2 4GET, 2026, Foto: Lukas Städler, Courtesy Dittrich & Schlechtriem; Adam Lupton, Atlas, 2025. Oil on canvas, Courtesy: the artist and Galerie Judin; Jiyoon Chung, Hyperreal, 1.0, 2026, Courtesy of the artist and Anton Janizewski, Copyright Brian Kure; Nida Sinnokrot, exhibition view at Expand Extract Repent Repeat, carlier | gebauer, Berlin, 2018, Courtesy of the artist and carlier | gebauer, Berlin/Madrid, Photo: Trevor Good; Nida Sinnokrot, Rubber-coated rocks, All-Stars (7), 2022, Courtesy of the artist and carlier | gebauer, Berlin/Madrid, Photo: Trevor Good; Anne Duk Hee Jordan, Fiona, 2023, installation view, I will always weather with you, The Bass, Miami Beach, Photo: Zaire Aranguren, courtesy of the artist and alexander levy; Hanna Stiegeler, Study for Brutes des nuits, 2026, Courtesy of the artist and Sweetwater.
Gallery Weekend Berlin
01.–03.05.2026. Das komplette Programm findest Du hier.
@galleryweekendberlin