DIE KUNST, SICH ZU ENTZIEHEN — „HANNAH ZABRISKY TRITT NICHT AUF“ IN DER SCHAUBÜHNE

DIE KUNST, SICH ZU ENTZIEHEN — „HANNAH ZABRISKY TRITT NICHT AUF“ IN DER SCHAUBÜHNE

Zum Glück tritt sie auf! „Hannah Zabrisky tritt nicht auf“ heißt das neue Stück von Falk Richter. Es ist ein Blick ins Herz des Theaterbetriebs – in seine Eitelkeiten, seinen Druck auf alternde Frauen, seine Sehnsucht nach Bedeutung. Zu Beginn entscheidet noch die Drehbühne, ob wir gerade mitten in einer Probe sind oder längst in der Vorstellung, später bestimmt nur noch Jule Böwe in der Rolle der Hannah Zabrisky. Das Bühnenbild von Nina Wetzel ist ein Theaterkarussell: eine Sammlung aus Probebühne, Backstage und Hinterzimmern, die sich ständig neu sortiert. Dort wandelt ein Ensemble, das im besten Sinne zu viel kann. Es gibt die ehrgeizige Autorin, die verzweifelt Ordnung herstellen will, ihre Partnerin, die sich mit Social Media und Awareness im Theater auskennt, die Kollegin, die längst weiß, wie der Betrieb funktioniert und wie erschöpfend er sein kann, und diejenigen, die sich irgendwo dazwischen behaupten müssen. Alle kreisen um eine Figur, die an dem Stoff zweifelt, der so perfekt auf sie zugeschnitten scheint: die gefeierte Schauspielerin Hannah Zabrisky. „Hannah Zabrisky tritt nicht auf“ gewährt einen Blick hinter die Kulissen des Theaters – auf seine Eitelkeiten, seinen Erfolgsdruck und das ständige Ringen um Bedeutung. Zugleich beleuchtet das Stück die Realität von Frauen im Theater.

Von Frauen, die älter werden und feststellen müssen, wie schnell ihnen die Rollen wegbröckeln, während um sie herum ständig neue Erwartungen wachsen. Und dann ist da noch die Welt draußen, die stets hereinschwappt: Krisen, Konflikte, das kollektive Gefühl, dass etwas kippt. Generell wird viel Gegenwärtiges besprochen. Das Stück versucht, all das zu verarbeiten – und scheitert manchmal berührend, manchmal komisch. Hin und wieder frage ich mich, warum sich gerade die Thematik der Frau im Theater hinter einem Ironieschutzschild verstecken will, bis Jule Böwe auf die Bühne kommt – natürlich raucht und Whisky trinkt – und alles und alles Infrage Gestellte wieder einfängt und wunderschön plausibel macht. Die Inszenierung pendelt zwischen Komödie, Melodram und Musical, mal eleganter, mal bewusst unbeholfen. Trotzdem knallt es punktgenau. Und der Abend wird plötzlich so hübsch absurd, dass man sich ertappt fühlt, wie man genau deshalb im Theater sitzt und nicht vor irgendeinem Bildschirm. Obwohl es die auch gibt: Auf ihnen zeigt Chris Kondek die Schauspieler:innen vorher aufgenommen, in künstlichen Alterungsprozessen und live. Komm auf jeden Fall in die Schaubühne – für einen Abend gelungener Unterhaltung und für das Spiel von Jule Böwe, die über allem schwebt. Und zum Glück auftritt.

Text: Emma Zylla / Fotos: Gianmarco Bresadola

Schaubühne, Kurfürstendamm 153, 10709 Berlin–Charlottenburg; Stadtplan
Hannah Zabrisky tritt nicht auf

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