Der liebste Zeichentrickfilm meiner kleinen Schwester war „Das letzte Einhorn“, der Animationsfilm nach dem Roman von Peter S. Beagle. Wochenlang performte sie damals im Kinderzimmer ihre Interpretation vom Titelsong, mal um mal mussten meine Eltern die VHS-Kassette einlegen. Die zauberhafte Geschichte um das Fabelwesen hatte uns komplett vereinnahmt. Mit unserer Begeisterung waren wir damals nicht die einzigen, sind es auch heute (und überhaupt seit Jahrhunderten) nicht. Einhörner bezaubern seit jeher die Köpfe derer, die sich mit ihnen befassen, und befeuern Geschichten, die um sie gestrickt werden. Die Ausstellung „Einhorn. Das Fabeltier in der Kunst“ im Museum Barberini nimmt diese erstaunliche Karriere ernst und verfolgt die Spur des Einhorns in der Kultur. Gezeigt werden etwa 150 Werke und Objekte, von Reiseberichten mit Einhornsichtungen über mittelalterliche Altäre bis zu zeitgenössischen Positionen.
Das Einhorn erscheint als christliches Symbol für Reinheit und Auserwähltheit, als medizinisches Wundermittel, oder als wildes, unbezähmbares Tier. Gemälde von Maerten de Vos (imposant), Tizian (klassisch) oder Arnold Böcklin (gruselig) treffen auf Arbeiten von Magritte (häuslich), Marie Cécile Thijs (realistisch) und Olaf Nicolai (emo). Mein persönlicher Favorit ist die Arbeit „Wilder Mann auf einem Einhorn“ von 1473–1477 (herrlich verschroben). Manuskripte, Tapisserien, Skulpturen, Videoarbeiten und Kunstkammerobjekte zeigen, wie stark das Einhorn stets zwischen Glauben, Wissenschaft und Projektion oszillierte. Selbst die Entlarvung des berühmten „Einhornhorns“ als Narwalzahn im 17. Jahrhundert konnte seiner Faszination nichts anhaben. Was letztendlich bleibt, ist ein Wesen, das nie existierte. Zwischen Mythos, Popkultur und Sehnsucht zeigt die Ausstellung das Einhorn nicht als Märchenfigur, sondern als Spiegel kultureller Fantasien. Der Film aus dem Kinderzimmer ist eine Version davon – diese Ausstellung zeigt viele andere.
Text: Inga Krumme / Credit: Italian (Veneto) Virgin with Unicorn, ca. 1510, Rijksmuseum, Amsterdam; Master of the Amsterdam Cabinet (Master of the Housebook), Wild Man on a Unicorn, 1473–77, Rijksmuseum, Amsterdam; Olaf Nicolai La Lotta, 2006, VG Bild-Kunst, Bonn 2025
Museum Barberini, Humboldtstr.5-6, 14467 Potsdam; Stadtplan
„Einhorn. Das Fabeltier in der Kunst“ bis zum 01.02.2026
@museumbarberini


