Die Bühne ist in Rosa gehüllt: Auf hellrosa Teppichboden steht eingekleidet in gerüschtem Satin ein großes Hotelbett, auf dem eine blonde Frau mit rosafarbenem Nicki-Trainingsanzug sitzt. Auf dem Boden ist ein Blutfleck, unter dem Bett liegt eine Männerleiche. Der Raum ist kränklich gelb beleuchtet – „Call me Paris“ von Yana Eva Thönnes in der Schaubühne Berlin beginnt. Alle kennen Paris Hilton. Auch die 15jährige Julia (Alina Stiegler), deren Geschichte an diesem Abend an der Schaubühne neben der des It-Girls erzählt wird. In LA veröffentlicht 2004 Hiltons Ex-Freund ihr Sex-Tape – ohne Paris’ Zustimmung. „1 Night in Paris“ wird einer der meistgeklickten Pornos der 2000er Jahre; Hilton klagte jahrelang um ihre Rechte am Bild. Währenddessen in Bergisch Gladbach: Neu zugezogen, wird die blonde Julia von ihren Schulfreundinnen direkt „Paris“ getauft. Jede Millennial-Frau, die ihre Teenager-Jahre in den 2000ern in der deutschen Provinz verbracht hat, entdeckt sich in Julias Erzählungen: Ob im Strassstein auf dem Eckzahn von Schulfreundin Kathi, in der Miss-Sixty-Jeans mit Reißverschluss am Po, den weißen Deichmann-Stiefel (wie die von J.Lo) oder am Heim-PC im Arbeitszimmer des Vaters, der erste heimliche Erkundungen ins Internet möglich machte.
Spätestens aber in der schamlosen Objektifizierung, der Y2K allen Frauen unterlagen, findet sie sich wieder. Es erzählen drei Hauptdarstellerinnen: Paris Hilton (gruselig-glossy: Ruth Rosenfeld) gibt Ratschläge zu Selbstdarstellung, Perfektion und allem, was es braucht zum It-Girl-Sein. Julias Mutter (mit glitzernden Schmetterlingsohrringen, kleinen Zöpfen, viel Geltungsdrang und dysfunktionaler Ehe, gespielt von Jule Böwe) hat viel über den Körper ihrer Tochter zu sagen, und wenig zu den Fotos, die der deutlich ältere Kleinstadtfriseur von der Minderjährigen macht. Julia erzählt von ihm – und seinem Dreh von „1 Night in Paris“, bei dem sie plötzlich ungewollt die Hauptrolle spielt. Schauspieler Holger Bülow verkörpert alle Männer im Stück: Er ist wortkarger Alkoholiker-Vater im Wechsel mit missbrauchendem Friseur. Den trifft Julia dann 20 Jahre später wieder, in einem Hotel, um mit ihm über das Tape von damals zu sprechen. Es endet brutal, blutig und ehrlich. Und während Y2K in all seiner Low-Rise-Lipgloss-Ästhetik zuletzt glorifizierend wiederbelebt wurde, deckt „Call me Paris“ auf: Beunruhigend nah dran und zugleich merkwürdig distanziert fällt das rosafarbene Licht jener Ära an diesem Abend unbarmherzig auf ihre eigenen Schatten.
Text: Inga Krumme / Fotos: Philip Frowein
Schaubühne, Kurfürstendamm 153, 10709 Berlin–Charlottenburg; Stadtplan
Call me Paris
@schaubuehne_berlin


