Die Liebe und Bekenntnis zum Minimalismus schreiben sich in den letzten Jahren gefühlt immer mehr Leute auf die Fahnen, vor allem wenn es um die Gestaltung der eigenen vier Wände geht. Wie viel Kurve, Farbe, Textur braucht gutes Design? Und wie wenig? „As little design as possible“ ist einer der bekanntesten Grundsätze im Produktdesign der letzten Jahrzehnte — ein Satz, der sich als Leitfaden durch die Schau im Deutschen Design Museum zieht, die sich noch bis zum 14. März 2026 einem der einflussreichsten Gestalter des 20. und 21. Jahrhunderts widmet: Dieter Rams. Die Möbel stehen gleichmäßig verteilt im Raum, das kuratorische Konzept mutet an zwischen mittelständigem Möbelhaus und schmerzlich bekannter und längst überholter Büroraumästhetik. Und das geht klar. Weil Rams der König im Klargehen ist. Der Meister des funktionalen Understatements, das Wunderkind der klaren Linie, die Muse der Tech-Designer und der Fetisch aller Architekturstudierenden. Macht nur Sinn, dass jemand wie Rafael Horzon, dessen ganze Marke auf einem Fundament aus sehr schlichten Regalen steht, dieses Design in sein Museum bringt. Die Ausstellung führt durch alle zentralen Werkphasen von Rams und zeigt Arbeiten für Braun und Vitsœ, die internationale Designgeschichte geschrieben haben. Möglich wird dieser Überblick durch die Zusammenarbeit mit der weltweit größten privaten Dieter-Rams-Sammlung und dem Rams-Experten Dr. Bujar Aruqai.
Viele der gezeigten Stücke sind erstmals in Berlin zu sehen. Der vordere Raum wird dominiert durch das bekannte Vitsœ-Regalsystem 606 in allen denkbaren Ausführungen und Oberflächen, auf denen Horzon hier und da ganz lässig seine eigenen Publikationen verteilt hat. Dazwischen gestreut immer wieder Sitzmöbel; man möchte gerne testsitzen, und man darf: Im hinteren Raum, der vor allem dem Elektronik-Part von Rams’ Industriedesign gewidmet ist, sitzen zwei Männer vorm Rams-Plattenspieler, hören John Lee Hooker und fachsimpeln über ihren Designgott. Sie haben definitiv mehr über ihn zu sagen, als er in seinen zehn spartanischen Grundsätzen zusammengefasst hat. Dabei wurde über Rams schon so viel geschrieben, geredet, gesagt. Was kann uns also noch eine Ausstellung mitgeben? Wahrscheinlich etwas ganz Unspektakuläres: dass gutes Design ohne Erklärung auskommt. Denn selbst auf dem Teppichboden des Deutschen Design Museums, dessen warmes Grau so sehr an den Schneematsch erinnert, den wir gerade tagtäglich an unseren Schuhen auf die heimische Fußmatte tragen, funktioniert Rams. „Hut ab, Dieter“, denke ich, und „Geht in diese Ausstellung“ schreibe ich. So wenig Design wie möglich hat selten geschadet.
Text: Inga Krumme / Fotos: Deutsches Design Museum
Deutsches Design Museum, Uhlandstr.185, 10623 Berlin–Charlottenburg; Stadtplan
Dieter Rams Ausstellung bis 14.03.2026
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