Gedichtelesen ist irgendwie nicht einfach. Vielleicht ist das Problem ein kollektives Deutsch-Leistungskurs-Trauma oder aber, dass zeitgenössische Lyrik selten erklärt, wo man anfangen darf. Dabei schreiben so viele Leute so gute Sachen. Hier sind viereinhalb Berliner Gedichtbände für alle, die sich wenig um Gattungsgrenzen kümmern und einen Einstieg in aktuelle Textformen finden wollen. Sophia Eisenhuts Spam in Alium denkt Schreiben als fortlaufendes Gespräch, das sich selbst beobachtet, kommentiert und infrage stellt. Zwischen Briefen ohne klaren Adressaten, Entwürfen, die stecken bleiben, und der Lust an theoretischer Reibung entsteht ein Textkörper, der Essay, Poesie und Selbstgespräch ineinander schiebt. Zwischen Referenzen aus Literatur, Popkultur und eigenem Leben verhandelt Eisenhut Nähe, Scham und Selbstbefragung sprachlich präzise – und ich habe als Leser:in das Gefühl, gleichzeitig alles und gar nichts zu verstehen. Wie viel mehr relatable geht? Auch From the Pocket of Agent Dickinson von Elise Houcek und Zack Darsee arbeitet mit Überlagerungen, allerdings ausgehend von einem poetischen Krimi, der sich wie ein offenes System liest. Sprache wird zum überreizten Interface, durchzogen von Medienlogik, Referenzen und Störungen. Das Buch beobachtet sich selbst beim Schreiben, spielt mit Überwachung, Erzählung und Kontrollverlust und übersetzt das permanente Grundrauschen der Gegenwart in eine dichte, oft überfordernde Textlandschaft. Ich habe das Gefühl, mich irgendwo zwischen einer Ermittlungsdokumentation von Die Drei Fragezeichen, der Notizen-App all meiner Freund:innen und einem neurodiversen Stream of Consciousness zu befinden, in dem ich gern wohnen würde. Wenn dies Contemporary Poetry ist, will ich, dass es niemals aufhört. (Übrigens: wer selbst gern Poet:in wär und nicht weiß, wie anfangen – Zack Darsee gibt sehr gute Workshops.)
Wem das alles zu collagig-edgy klingt: Einen leichteren und auch schwereren Zugang gibt Olga Mai mit ihrem selbstverlegten Gedichtband Break My Heart So I Can Pay My Rent. Der Name ist Programm, Ausgangspunkt für ihr (sehr persönliches) kleines Buch war Herzschmerz. Die Texte kreisen um Dating, Arbeit, finanzielle Unsicherheit und emotionale Erschöpfung und bleiben dabei nah an alltäglichen Sprechweisen, verpackt in melancholische Bilder. Wer vorher noch nicht traurig war, ist es nach dem Lesen bestimmt. Gelauncht wurde das Buch im Café Tiergarten, zu kaufen ist es auf Anfrage. Klein und fein sind die Season Zines von Katharine Spatz: Zu jeder Jahreszeit bringt die Berliner Poetin eine kleine hosentaschengroße Auswahl ihrer Gedichte raus. Passend zur aktuellen Stimmung die aktuelle Ausgabe: seven pocket-sized poems to get through winter. Wer noch bis zum Frühling wartet, kann das Quartett bei ihr via DM erwerben. Honorable Mention gilt Postponed von Sanna Helena Berger, die eigentlich eine Ausstellung kuratieren sollte, stattdessen aber Lyriker:innen und andere Schreiber:innen eingeladen hat, Texte zu schreiben. Die Arbeiten zu Aufschub, Zweifel, Müdigkeit und kollektiver Überforderung sind eine vielstimmige Sammlung, die das stockende Weiterarbeiten, das Zögern und das Innehalten als gemeinsame Erfahrung lesbar macht. Den Reader gibt’s online frei verfügbar. Wer einen Einstieg sucht, darf hier einfach irgendwo anfangen. Alles Weitere ergibt sich beim Lesen.
Text & Fotos: Inga Krumme
Spam in Alium, From the Pocket of Agent Dickinson, Zack Darsee, Break My Heart So I Can Pay My Rent, Season Zines, Postponed
Break My Heart So I Can Pay My Rent kann via E-Mail bestellt werden.
Season Zines gibt’s per DM an @spatzlova.


