DIE DINGE FALLEN NICHT AUSEINANDER, SIE TREIBEN: DÖRTE EISSFELDT IM C/O BERLIN

DIE DINGE FALLEN NICHT AUSEINANDER, SIE TREIBEN: DÖRTE EISSFELDT IM C/O BERLIN

Ende der 1980er fotografierte Dörte Eißfeldt einen Schneeball in Schwarz-Weiß. Immer wieder bearbeitete sie das Ausgangsbild. Sie spielte mit Kontrasten und Licht. So stark, dass man heute meinen könnte, sie hätte mehr als dreißig verschiedene Schneekugeln abgelichtet. In ihrer Serie präsentiert sie das Eis wie eine kleine Kostbarkeit. Mal wirkt es wie ein funkelnder Rohdiamant, mal wie eine Kristallkugel, mal wie ein samtiges Fellknäul. Ihre Varianten scheinen sagen zu wollen: Solange Du bereit bist, immer wieder genau hinzusehen, kann die Welt alles für Dich sein. Im C/O Berlin lassen sich Eißfeldts Annäherungen an den Schnee und das Sehen nun bis zum Sommer studieren. Boaz Levin hat als Kurator Arbeiten aus mehr als vier Jahrzehnten zusammengetragen, die – auch dank unveröffentlichter Skizzen und Notizbücher – sehr persönlich durch das Werk der heute 75-Jährigen führen. Es lohnt sich, die Ausstellung mehr als einmal zu besuchen. Denn Eißfeldts Blick auf die Welt ist ansteckend.

Nach dem Kunststudium in Hamburg in den 1970ern kam sie autodidaktisch über Film und Malerei zur experimentellen Fotografie. Das Suchende und Spielerische ist ihren Arbeiten bis heute geblieben. Ihre Serie Rücken (1990) führt diese tastende Bewegung eindrücklich vor. Eißfeldt fühlt mit der Kamera langsam Oberflächen ab. Am liebsten würde man mit dem eigenen Finger die Linien, Schatten und Wölbungen, die sie auf dem Papier im Spektrum von Schwarz bis Weiß skizziert, nachzeichnen. Haut kann bei ihr samtig-weich, matt oder metallisch glänzend wie poliertes Aluminium sein. Nie zeigt sie Menschen und Dinge im Ganzen. Sie hält, wie sie selbst sagt, Realitätsfragmente fest. Ausschnitte der Wirklichkeit. Zwischen den Baumkronen der Serie „Wald“ (1991) verbergen sich im Dunkeln Geschichten. In ihren wogenden Wellen, die seit dem 21. Februar 2026 in der Galerie Thomas Fischer zu sehen sind, liegt mehr als bloße Naturbetrachtung. Ihr Fokus auf Details ist eine Aufforderung zur Blickstudie. Es ist eine Einladung zum intensiven Dialog zwischen ihr und der Betrachterin: aber auch – und darum geht es – der Betrachterin und der Umgebung. Wer bereit ist, sich darauf einzulassen, kann ihren flüchtigen Momentbruchstücken unendlich nah kommen. Und am Ende vielleicht sogar die ganze Welt in einem Schneeball sehen.

Text: Laura Storfner / Credits: Schneeball 01, 1988, Doerte Eissfeldt, VG Bild-Kunst Bonn 2025; Großer Flieger, 1986, Doerte Eissfeldt, VG Bild-Kunst Bonn 2025; Hand Dessauer 02, Doerte Eissfeldt, VG Bild-Kunst Bonn 2025

C/O Berlin, Hardenbergstr.22–24, 10623 Berlin–Charlottenburg; Stadtplan
Dörte Eißfeldt: Archipelago bis 10.06.2026

Galerie Thomas Fischer, Mulackstr.14, 10119 Berlin–Mitte; Stadtplan
Dörte Eißfeldt: Conil bis 18.04.2026

@coberlin
@galeriethomasfischer

cee_cee_logo