EIN BISSCHEN PUNK, EIN BISSCHEN POESIE: HELGA PARIS‘ BLICK AUF DIE DDR BEI FOTOGRAFISKA BERLIN

EIN BISSCHEN PUNK, EIN BISSCHEN POESIE: HELGA PARIS‘ BLICK AUF DIE DDR BEI FOTOGRAFISKA BERLIN

Menschen, die ganz bei sich sind. Weil sie in Kneipen oder an Bushaltestellen selbstvergessen vor sich hinschauen. Oder auf der Straße, von einem Termin zum anderen eilend, keine Zeit haben, zu prüfen, ob die Frisur und das Lächeln sitzen. Diese Menschen waren Helga Paris immer die liebsten. Die ungeschminkten, ehrlichen Begegnungen fing die Autodidaktin Zeit ihres Lebens in schwarz-weißen Schnappschüssen ein. Bis heute erzählen ihre ungestellten Serien mit Titeln wie „Berliner Jugendliche“, „Mein Alex“ und „Hellersdorf“ immer auch vom geteilten Deutschland, das sie ganz nebenbei seit den Achtzigerjahren porträtierte. Die Ausstellung „Für uns„, mit der Fotografiska der 2024 verstorbenen großen DDR-Fotokünstlerin gedenkt, beweist aber: Ihre Bilder von Nachbar:innen, Müllmännern, Bäckern, Kellnerinnen und Altenheimbewohner:innen sind überzeitlich.

Paris suchte in ihren Sujets stets das Alltägliche und Verbindende. Wenn man in die Gesichter der Ost-Berliner Punks und die müden Augen der Kellnerinnen schaut, meint man ihre Blicke so oder so ähnlich auch heute in Kreuzberg oder Wedding finden zu können. Paris schönte das Raue nicht. Sie fand in bröckelnden Fassaden Schönheit. Ausgehend von ihrer Wohnung im Prenzlauer Berg begegnete sie der Welt um sich herum mit einer ehrlichen Zärtlichkeit, die sie jedem und jeder ohne Vorbedingungen entgegenbrachte: Ihre Porträts sind mit Fragen nach Herkunft und Klasse imprägniert, doch Paris verhandelt sie weder oberlehrerhaft noch voyeuristisch. Vor ihrer Kamera waren alle auf Augenhöhe – unabhängig davon, ob Paris Kneipenbesitzer oder Arbeiterinnen in Kittelschürzen verewigte. Denn — das beweist die vom ehemaligen Direktor der Nationalgalerie Udo Kittelmann feinfühlig kuratierte Schau im Fotografiska sehr eindrücklich — Helga Paris sah zuallererst den Menschen. Sie interessierte sich für ihr Gegenüber. Für uns.

Text: Laura Storfner / Credits: Nachlass Estate Helga Paris 

Fotografiska Berlin, Oranienburger Str.54, 10117 Berlin–Mitte; Stadtplan

Helga Paris: für uns 06.09.2025–25.01.2026
Exhibition Takeover 06.09.2025 19–23h. Tickets gibt’s hier.

@fotografiska.berlin

cee_cee_logo