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HUMANITÄT IST EIN VERB: DIE SÃO PAULO BIENNALE IM HKW

HUMANITÄT IST EIN VERB: DIE SÃO PAULO BIENNALE IM HKW

Die São Paulo Biennale ist eine der ältesten und einflussreichsten Biennalen der Welt. Dieses Jahr findet sie auch in Berlin im Haus der Kulturen der Welt statt. Unter dem Titel „Not All Travellers Walk Roads – Of Humanity as Practice“ wird Humanität als Verb verstanden: als etwas, das im Miteinander immer wieder aufs Neue praktiziert werden muss.
Ähnlich wie Oscar Niemeyers Pavillon im Ibirapuera Park in São Paulo, wo die Biennale 2025 stattfand, bildet auch das HKW eine durchlässige Schwelle zwischen Architektur und Landschaft. Beide Orte sind passende Schauplätze für die zentralen Fragen der Ausstellung. Wie können wir anderen Menschen, Landschaften, Tieren, Pflanzen und Erinnerungen begegnen, ohne ihnen unseren eigenen Weg aufzuzwingen? Wie schaffen wir eine Koexistenz der Fürsorge? 

Wie immer ist viel los in den HKW-Räumen. Zwischen fein-floralen Vorhängen und klackernder Soundkulisse gibt es viel zu entdecken: Mehr als dreißig internationale Künstler:innen wie Akinbode Akinbiyi, Aline Baiana, María Magdalena Campos-Pons, Emeka Ogboh, Forensic Architecture, Laila Hida, Julianknxx, Ming Smith oder Wolfgang Tillmansbeschäftigen sich mit Themen wie Erinnerung, Zugehörigkeit und Zusammenleben. Dabei geht es auch um die kolonialen Hinterlassenschaften der Moderne und Formen des Widerstands gegen Entmenschlichung und Raubbau an der Natur.

Die Biennale präsentiert Schönheit als politische Kraft, die sich im Alltäglichen finden lässt. Fragmentiert und vielstimmig, aber nicht weniger wirkmächtig. Die Ausstellung lädt dazu ein, vom vorgegebenen Weg abzukommen und sich auf andere Perspektiven und unerwartete Verbindungen einzulassen. Kuratiert wurde die Berliner Ausgabe von Alya Sebti. Zu sehen ist sie noch bis zum 06. Dezember 2026 im HKW. Wer noch tiefer einsteigen möchte: Regelmäßige Touren bieten Gelegenheit, die Ausstellung gemeinsam zu erkunden. Ab auf eine Reise jenseits bekannter Wege.

Text: Inga Krumme / Fotos: Hanna Wiedemann, Mathias Völzke

Haus der Kulturen der Welt (HKW), John-Foster-Dulles-Allee 10, 10557 Berlin–Tiergarten; Stadtplan
36. São Paulo Biennale bis 06.12.2026.

@hkw_berlin

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ES IST WIEDER MUBI FEST

ES IST WIEDER MUBI FEST

Vom 02. bis 04. Oktober 2026 ist wieder Mubi Fest. Wie schon letztes Jahr ist der Treffpunkt das Silent Green, diesmal ergänzt durch das Kino Arsenal. Das Programm holt ein, ab und rein ins Kino. 

Wir starten stark mit der Berlin Premiere von „Coward„, einem queeren Mubi Release. Protagonist Pierre sucht erpicht seinen Platz zwischen den Schützengräben und Fronten des Ersten Weltkriegs. An der Front trifft er Francis, der dort ein Theaterstück inszeniert. Während um sie herum die Welt untergeht, entwickelt sich zwischen den beiden eine zärtliche Liebesgeschichte.

„Hale County, Tag für Tag“ ist eine Kollaboration mit dem C/O Berlin: Inspiriert von der aktuellen Ausstellung „The Heart of the Matter“ zeigen Mubi und das Ausstellungshaus den Film von RaMell Ross. Das Thema bleibt dabei gleich: Wie wird schwarzes Leben in Foto und Film dargestellt, und wer hat hier Deutungshoheit? Ross schuf einen poetischen Dokumentationsfilm, in dem er über fünf Jahre hinweg die Schwarze Gemeinschaft im ländlichen Alabama begleitete.

Mittags knüpfen wir an den Vorabend an beim Mubi Live Podcast im Gespräch mit Regisseur Lukas Dhont. Seine Produktionen sind geprägt durch sein feines Gespür für Themen wie Gender, Sexualität und Empathie. So auch Coward. Mit Mubi-Podcast-Host Rico Gagliano spricht er über überraschende Inspirationen und seine bisherige Karriere.

Für alle Fans von Mode und Maßlosigkeit geht es weiter mit „Making Marie Antoinette„, der Dokumentation zu Sofia Coppolas ikonischen Film. Regie führte niemand anderes als ihre Mutter Eleanor. Beim Talk „When Artwork and Trailers Become Iconic“ spricht zuerst Mubis Creative Studio darüber, wie ein guter Trailer geht. Was braucht es, um mit einer Sequenz von wenigen Minuten zu fesseln? Im Anschluss tauschen sich Schauspieler Langston Uibel und Matthijs Wouter Knol (Direktor der Europäischen Filmakademie) über ihre Lieblingstrailer aus.

Wem das am Samstag (03.10.) noch nicht genug war, der gehe in die wahrscheinlich beste sapphische Produktion des Jahres. „Teenage Sex and Death at Camp Miasma“ ist Ekstase, viel Kunstblut auf Pastell und gewitzte Arbeit mit Klischees. Der zeitgenössische Take auf die 80er Jahre Slasher Horror Ästhetik bietet massenweise Meta-Ebenen, Dyke Drama, eine richtig gute Szene mit Kentucky Fried Chicken und natürlich gay icon Gillian Anderson neben Hannah Einbinder mit wunderbar schräger Chemie. 

Den Sonntag (04.10.) starten wir im Schnee: „Nuisance Bear“ ist eine Dokumentation über die Probleme im Leben des Eisbären. Dabei wird er zum Protagonisten gemacht und die geltenden Konventionen des Naturdokumentarfilms nebenbei ausgehebelt. Durch den Film und die Frage, wem geteilte Landschaften eigentlich gehören, führt ein Inuit. Klare Antworten gibt es dabei keine.

Den Abschluss macht Animationsfilm „Bouchra„. Die prada-tragende lesbische Filmemacherin und Kojotin Bouchra macht sich in New York an einen Film über ihr eigenes Leben. Dabei stellt sie sich den verzwickten Dynamiken vergangener Beziehungen und sucht dafür den Kontakt zu ihrer Mutter, die noch in Casablanca lebt. Zwischen Live-Action und 3D Animation verabschiedet der Film die immergleichen Vorstellungen und Repräsentationen von queeren Identitäts- und Generationskrisen, ohne sie dabei zu übergehen. 

Soweit aber nur der Serviervorschlag, auf der Webseite gibt es das gesamte Programm zur Einsicht. Also: Reinschauen, Tickets buchen, ab ins Kino. Es wird ein Fest.

Text: Inga Krumme / Credits: Mubi, Sofia Coppola

Mubi Fest
02.–04.10.2026. Das komplette Programm findest Du hier.

@mubideutschland

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VON LIEBE, PFLICHT UND MACHT — SPONTINIS „LA VESTALE“ AN DER STAATSOPER UNTER DEN LINDEN

VON LIEBE, PFLICHT UND MACHT — SPONTINIS „LA VESTALE“ AN DER STAATSOPER UNTER DEN LINDEN

Oper, so heißt es, ist Emotion, übertragen durch die menschliche Stimme. Und Gasparo Spontinis „La Vestale„, eine romantische Oper über Begehren, Krieg, Pflicht und Autorität, bildet da keine Ausnahme. Das ansonsten wenig bekannte Werk von 1807 wird wohl am ehesten mit Maria Callas assoziiert, deren Aufführungen in den 1950er Jahren zur Legende der Opernwelt wurden. Nun kommt La Vestale an die Staatsoper Unter den Linden – ein Haus, das mit Spontini eine besondere Verbindung hat: Zwischen 1820 und 1841 war er Musikdirektor der damaligen „Königlichen Oper“, bevor das Haus 1843 abbrannte. 

Für die Spielzeit 2026/27 der Staatsoper gibt die amerikanische Opernregisseurin Lydia Steier dem Werk eine neue Deutung, die sich verstärkt den Themen Autoritarismus und Macht widmet. Die bulgarische Sopranistin Sonya Yoncheva übernimmt die Titelrolle der Julia, die, zur Keuschheit verpflichtet, sich verhängnisvoll in den römischen Feldherrn Licinius verliebt. Das Bühnenbild von Etienne Pluss nimmt die Form des historischen Sorbonne-Amphitheaters in Paris an, geschmückt mit einer einzelnen Flamme, die in einer flachen silbernen Schale brennt – das heilige Feuer, dessen Erlöschen Julia zum Verhängnis wird. Was geschieht, wenn wir Widerstand leisten? La Vestale feiert am 26. September 2026 Premiere – Tickets gibt’s auf der Website.

Text: Benji Haughton / Credits: La Vestale, Opéra national de Paris, 2024, Guergana Damianova; Maximilian Semlinger, Laura Buechner 

Staatsoper Unter den Linden, Unter den Linden 7, 10117 Berlin–Mitte; Stadtplan

La Vestale Premiere am 26.09.2026 18h. Weitere Termine: 30.09, 03.10, 06.10, 09.10, 30.04.2027, 06.05.2027, 08.05.2027.

@staatsoperberlin

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JOSEF KAISER UND DIE ARCHITEKTUR DER DDR IN DER BERLINISCHEN GALERIE

JOSEF KAISER UND DIE ARCHITEKTUR DER DDR IN DER BERLINISCHEN GALERIE

Alle kennen das Kino International. Eines der ikonischen Gebäude des Berliner Ostens steht auf der Karl-Marx-Allee neben seinen Geschwistern: Mokka-Milch-Eisbar und Café Moskau. Entworfen hat sie (unter anderem) der Architekt Josef Kaiser. Über seine Arbeit gibt’s jetzt die Ausstellung „Bauen für die DDR“ in der Berlinischen Galerie.

Im zentralen Ausstellungsraum der BG begrüßt einen schon ein unkonventionelles Architekturmodell: Tracey Snelling hat sich seinem Grosshügelhaus angenommen, Kaisers Großbau Siedlungs-Vision für die DDR. Auf rund 200 Quadratmetern folgt die Schau Kaisers Arbeit anhand von Originalplänen, Collagen, Fotos, Modellen und Filmen, vieles daraus aus seinem Nachlass, der erst seit kurzem zugänglich ist. Den Auftakt im pastell-gestrichenen Ausstellungsraum bilden frühe neoklassizistische Entwürfe, darunter das Kulturhaus Maxhütte in Unterwellenborn. Kaisers ursprünglicher Entwurf orientierte sich an der Moderne von Mart Stam und Hans Poelzig, wurde von der DDR-Führung jedoch abgelehnt und in veränderter Form umgesetzt.

Es folgt der architektonische Aufbruch der 1950er und 1960er. Gemeinsam mit Werner Dutschke und Edmund Collein entwickelte Kaiser den heute bekannten zweiten Bauabschnitt der damaligen Stalinallee, heute Karl-Marx-Allee. Typisierte Bauelemente und serielle Bauweisen verbanden sich hier mit einer neuen modernen Formensprache. Kino International, Café Moskau und Hotel Berolina gehören zu den bekanntesten Bauten dieser Phase. Einer der schönsten Teile von Architekt:innen-Ausstellung auch hier: Entwürfe, die nicht oder nur zu Teilen realisiert wurden. In Kaisers Fall sind das großmaßstäbliche Studien für die sozialistische Stadt, Megastrukturen und Entwürfe für Sonderbauten wie den Friedrichstadtpalast und den Palast der Republik, aber auch Projekte außerhalb Berlins.

Dabei erzählt die Ausstellung auch von den Bedingungen, unter denen Architektur in der DDR entstand. Kaiser arbeitete über viele Jahre in festen Kollektiven und staatlichen Strukturen; die gezeigten Projekte werden deshalb unter seinem Namen geführt, ohne ihm eine alleinige Urheberschaft zuzuschreiben. Nach 1990 wurden einige seiner bekanntesten Bauten abgerissen oder stark verändert. Andere stehen heute unter Denkmalschutz. Die Mokka-Milch-Eisbar zum Beispiel wurde dieses Jahr neu eröffnet, leider mit sehr fragwürdigem Innenausbau. Wer sich das vor Ort anschauen will, kann zu den Karl-Marx-Allee-Architekturführungen kommen, die im Rahmen der Ausstellung stattfinden. 

Zum Schluss (und Einstieg) ergänzen drei zeitgenössische Positionen den Blick auf Kaisers Werk: Veronika Kellndorfer beschäftigt sich mit dem Café Moskau, Karsten Konrad mit dem ehemaligen Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten und Tracey Snelling mit, wie oben erwähnt, Kaisers Visionen der sozialistischen Stadt. So schlägt die Schau die Brücke ins Jetzt und fragt: Wie gehen wir mit unserem architektonischen Erbe um? Und mit den politischen Ideen, die darin stecken?

Text: Inga Krumme / Credits: Rolf Vetter, Karl-Marx-Allee zwischen Alexanderplatz und Strausberger Platz, 1970, © IRS Erkner, Foto: Rolf Vetter; Josef Kaiser, Zeichnung des Kino Kosmos, undatiert, © Berlinische Galerie, Digitalisat: A. E. Witte; Schnepp Renou, Kino International, 2026, Entwurf: Kollektiv Josef Kaiser © Schnepp Renou

Berlinische Galerie, Alte Jakobstr.124–128, 10969 Berlin–Kreuzberg; Stadtplan

Josef Kaiser: Bauen für die DDR 28.08.2026–01.02.2027. Im Rahmen der Ausstellung finden auf der Karl-Marx-Allee Architekturführungen statt am 25.09. & 16.10.2026 (13–15h).

@berlinischegalerie

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DIE WÄNDE HOCHGEHEN: TRISHA BROWNS TANZ IN DER NEUEN NATIONALGALERIE

DIE WÄNDE HOCHGEHEN: TRISHA BROWNS TANZ IN DER NEUEN NATIONALGALERIE

Sieben Tänzerinnen und Tänzer, eingespannt in Seile und Körpergurte, schreiten aufrecht eine Museumswand entlang, als wäre die Schwerkraft reine Verhandlungssache. Als Trisha Brown „Walking on the Wall“ 1971 im Whitney Museum uraufführte, drehte sie mit einer denkbar schlichten Geste die Gesetze des Tanzes um neunzig Grad: Was im klassischen Ballett als virtuose Überwindung der Vertikalen gefeiert wird, verlegte sie in die Horizontale. Sie zeigte, dass das Gehen als banalstes aller Bewegungsmuster weder Spitzentanz noch Sprünge braucht, um der Erdanziehung zu trotzen. 

Bewegung verstand die Choreografin, die mit über hundert Arbeiten zu einer der kreativsten Figuren des postmodernen Tanzes wurde, stets als Forschung: Wo hört Alltag auf, wo beginnt Performance? Bis heute zählt „Walking on the Wall“ zu den Schlüsselwerken, wenn es um die Beantwortung dieser Frage geht. Anlässlich des 250. Jahrestags der amerikanischen Unabhängigkeit und in enger Zusammenarbeit mit der Trisha Brown Dance Company findet die Arbeit nun, neun Jahre nach Browns Tod, an der Glasfassade der Neuen Nationalgalerie einen neuen Ausgangspunkt.

Zum Auftakt der Berlin Art Week zeigt das Museum vom 09. bis 13. September 2026 die fünfte Ausgabe seines Festivals „Perform!„, kuratiert von Klaus Biesenbach, Lisa Botti und Gregor Quack. Täglich um 17 Uhr wird „Walking on the Wall“ auf der Terrasse gezeigt, am Sonntag zusätzlich um 14 und 18:30 Uhr. Daneben präsentiert die in Berlin lebende Kianí Del Valle mit ihrer KDV Performance Group die ortsspezifische Arbeit „Instrucciones para existir“ als Hommage an Trisha Brown und Replik auf den ikonischen Bau von Mies van der Rohe. 

Am Festival-Sonntag (13.09.) sind Miriam Kongstad, Deva Schubert und Josh Johnson mit von der Partie und füllen das Programm mit eigenen Stücken. Der Eintritt zu den Performances ist frei, eine Anmeldung meist nicht nötig – bei Platzmangel zählt schlicht, wer zuerst da ist. Und auch, wenn man auf der Terrasse festen Boden unter den Füßen hat, fühlt es sich beim Zuschauen zumindest mental für einen Moment vollkommen losgelöst an.

Text: Laura Storfner / Foto: Ivan Erofeev, Credits: Instrucciones Para Existir (Instructions for Existing), KDV Performance Group, 2026, Direction, Concept & Choreography : Kianí Del Valle, Original Sound Score: Devonté Hynes; Miriam Kongstad, Hard Play, 2026, Foto: Andrej Lamut

Neue Nationalgalerie, Potsdamer Str.50, 10785 Berlin–Tiergarten; Stadtplan

Perform! 09.–13.09.2026
Walking on the Wall täglich 17h (So zusätzlich 14h & 18h30)

@neuenationalgalerie

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