PRETTY PRIVILEGE — EIN SCHILLERNDES STÜCK OSCAR WILDE IM BERLINER ENSEMBLE

PRETTY PRIVILEGE — EIN SCHILLERNDES STÜCK OSCAR WILDE IM BERLINER ENSEMBLE

Seht Ihr, was ich sehe? Im Neuen Haus des Berliner Ensembles lehnt sich ein Schauspieler mit jedem Schritt grazil in die Pose von Michelangelos David, und könnte sofort gemalt werden. Leichtfüßig und unendlich stark ist er. Max Gindorffspielt den maßlosen Protagonisten aus Oscar Wildes einzigem Roman: Das Bildnis des Dorian Gray. Dorian Gray ist wunderschön. Seine Erscheinung erregt das Begehren der Londoner Oberschicht. Nicht zuletzt auch das des Malers Basil Hallward (Paul Zichner), der seine ganze Liebe auf die Leinwand gegossen hat, für die Dorian Vorbild war. Er befürchtet, die Gesellschaft könnte seine Gefühle aus dem Bild herauslesen, also darf es niemand sehen. Lord Henry (Gabriel Schneider) hingegen befeuert, was Dorian bisher nur vermutet hat: seine Jugend und Schönheit sind alles, was zählt. So tauscht Dorian mit dem Bild und bleibt ewig schön und jung, verrottet aber innerlich. Er begibt sich in den Exzess, verachtet Menschen, tötet sogar. Konsequenzen hat er selbst keine zu befürchten, trägt doch das Bildnis für ihn alle Schuld und Vergehen. Dass dazu auch schwules Begehren gehörte, macht Regisseur Heiki Riipinen ungehemmt sichtbar, wurde es doch Teil des Unzuchtprozesses gegen Oscar Wilde im Jahr 1895. Neben dem Ensemble sind es auch die Puffärmel aus Latex, die alles in dieser Inszenierung so aufregend machen. Dazu kommen Lackstiefel, lange Schleppen, bauchfreie Tops – es sind queere Klischees. Und es scheint der unendliche Kampf für ein Mindestmaß an Rechten zu sein, der im Maximum münden muss.

Kostümbildnerin Louise-Fee Nitschke schenkt den Spielenden stolze und zarte Silhouetten, die Dorian engelsgleich, Lord Henry kurz vor Nosferatu zeigen. Aus ihnen wächst das sonst sparsame Bühnenbild, das auf die Spielenden spürbar gewartet hat. Ihnen wird wörtlich „eine Bühne geboten“, muss ich denken. Eine Chaiselongue oder eimerweise Kunstschnee helfen auf dem Weg. Wer dort die Dekadenz des viktorianischen Englands spürt, denkt auch an die Hochglanz-Ästhetik von heute – und will ihr entkommen. Deshalb ist auch die Berliner Technoparty nicht weit, die in diesem Stück aber nichts anderes sein will, nicht daran erinnern will, dass wir uns in Berlin befinden. Sie ist einfach gut. Amal Keller ist die begnadete Schauspielerin, in die sich Dorian Hals über Kopf verliebt. Sie verkörpert aber auch deren Bruder, der Dorian mit dem Tode droht, sollte dieser seine Schwester nicht glücklich machen. Am Schluss auch Oscar Wilde selbst. Dabei ist sie nicht zu stoppen, zu Charli xcx tanzt sie sich gekonnt in den Tod. Auch in der Pause wird getanzt, Dorian steht immer unter Strom. Und immer wieder wechselt das Spiel die Seite: wenn Max Gindorff mit Maler Basil einen Blick auf das Bildnis wirft, das gebannt vor ihnen sitzt: Das Publikum. Haben wir uns verändert? Dieser Abend ist zu schön, um nur zweieinhalb Stunden zu gehen, Oscar Wildes Werk ist zu heutig, um vergessen zu werden. Das queere Leben bekommt in dieser Parabel den Platz, der ihm gebührt. Und wir schauen dabei zu. 

Text: Emma Zylla / Fotos: Jörg Brüggemann

Berliner Ensemble, Bertolt-Brecht-Platz 1, 10117 Berlin–Mitte; Stadtplan
Das Bildnis des Dorian Gray. Der Vorverkauf startet am 04.04.2026.

@blnensemble

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