Wir stehen auf dem Jahrmarkt, es ist laut und bunt, von allen Seiten Stimmen, die mitreden, einreden, reinreden wollen. In dieser Überforderung setzt „Die Zwillinge“ am Maxim Gorki Theater an. Ein scheinbar klarer Kriminalfall bildet den Ausgangspunkt: Zwillingsbrüder, der eine weiß, der andere schwarz gelesen. Einer hat den anderen getötet. Diesem Fall will sich Filmemacherin Melanie (Ruby Commey) annehmen und ihn fiktionalisieren. Sie recherchiert, sammelt Material, sucht nach Zusammenhängen. Eingeladen bei einer Filmproduktionsfirma, stößt sie jedoch fortlaufend auf Widerstände. Der Titel müsse geändert werden, der Stoff sei „gerade schwierig“, bestimmte Aspekte sollten anders erzählt, andere ganz ausgelassen werden. Das Produktionsteam sei weiß zu besetzen. Während Melanie versucht, an ihrem Thema festzuhalten, wird es ihr unter den Händen permanent neu geformt. Auf der Bühne entstehen verschiedene Versionen des Films, jede weiter entfernt vom ursprünglichen Fall. Begleitet wird sie von einem Chor aus Stimmen: Produzent:innen, Rekommandeur:innen, Kommentator:innen. Sie bewerten, kommentieren und überformen das Geschehen, oft offen gewaltvoll und diskriminierend. Alles am Standort Jahrmarkt: Zwischen stereotypen Darstellungen schwarzer Körper in Breakdancer oder Referenzen aus Hip-Hop Kultur legen diese ihre eigenen Mechanismen offen.
Karussellmotive, eine rotierende Drehscheibe und eine dichte Soundkulisse von Frieder Blume erzeugen permanente Reizüberflutung. Kostüme, Szenen und Perspektiven wechseln rasant. Trotz der visuellen und akustischen Verdichtung bleibt die Handlung klar, „Die Zwillinge“ erzählt stringent. Die Brüder treten auf, beschuldigen einander; nach und nach wird sichtbar, wie sehr diese Zuschreibung von Blicken, Erwartungen und gesellschaftlichen Lesarten abhängt. Melanie legt offen, warum sie recherchiert und wo ihr Anspruch an Erklärung an Grenzen stößt. Verhandelt werden Fragen kultureller Hegemonie, der White Gaze und Censorship, verzerrter Wahrnehmung und filmischer Verwertungslogiken. Es ist ein Theaterstück in der Filmindustrie, das in diesem Setting fragt, welche Geschichten erzählbar sind und unter welchen Bedingungen. Mit jeder Szene schält sich eine weitere Ebene von Macht und Gewalt heraus. Den Text schrieb Lamin Leroy Gibba, der auch als einer der Brüder auf der Bühne steht. Regisseurin Joana Tischkau übersetzt das Stück in eine schnelle, dichte Inszenierung. Zwischen Jahrmarkt und Filmstudio wird sichtbar, wie kulturelle Hegemonie entscheidet, welche Geschichten zirkulieren dürfen – und welche im Lärm der Stimmen verschwinden.
Text: Inga Krumme / Fotos: Etritanë Emini
Studio Я im Maxim Gorki Theater, Hinter dem Gießhaus 2, 10117 Berlin–Mitte; Stadtplan
„Die Zwillinge“ von Lamin Leroy Gibba. Premiere 07.02.2026, exklusive Vorstellung für BIPoC* im Rahmen des Black Her*His*Story Month mit anschließendem Publikumsgespräch mit Lamin Leroy Gibba 20.02.2026. Tickets gibt’s hier.
@maxim_gorki_theater
@laminleroy


