Knallrot polygonal steht die Bühne im Studio Я des Maxim Gorki Theaters. Herein tritt Schauspielerin Nairi Hadodo und durch eine der beiden Türen, die uns an diesem Abend durch Handlungssprünge und Rollenwechsel führen werden. Sie schreibt kreidefarben in Großbuchstaben an die Wand, wofür wir gekommen sind: Jane Eyre. Teil 1: Gewalt. Die ist Jane Eyre als ungeliebtes Waisenkind nur allzu bekannt. Obgleich geschlagen und gedemütigt von ihrer Familie, entwickelt sie sich zu einer „eigenwilligen“ Frau, ihre einzige Vertraute die Lehrerin Miss Temple. Eigenwillige Frauen sind in der Regel ein Problem, Jane geht’s nicht anders. Sie ist wütend und sehnt sich nach Unabhängigkeit, beides Eigenschaften, die im viktorianischen England wie heute an Frauen* ungern gesehen sind. Also gibt sie sich mit der Alternative zufrieden: Abwechslung und Anregung. Sie wird Lehrerin. Los geht Teil 2 des Abends: Liebe. Als Gouvernante arbeitet sie in einem großen Haus für einen reichen Mann, Mr. Rochester. Das Haus ist gruselig, Jane hört geisterhaftes Gelächter, unerklärlicherweise steht irgendwann der Vorhang in Rochesters Schlafzimmer in Flammen. Rochester (der ihr Vater sein könnte) sucht von Anfang an Unterhaltung in und mit Jane, provoziert sie, nutzt sein Machtgefälle aus und ist begeistert von ihrer Widerspenstigkeit. Jane sei anders als die anderen. Die beiden verlieben sich.
Um Jane um den Finger zu wickeln, beginnt Rochester der schönen Miss Ingram den Hof zu machen, um dann letztendendes um Janes Hand anzuhalten. Die ist sauer, sorgt sich um Miss Ingrams Gefühle in Rochesters toxischem Scharadespiel. Er zeigt sich unbesorgt, am Ende sagt Jane „Ja“, nur um dann am Altar zu erfahren, dass er schon verheiratet ist: Mit Bertha Antoinetta Mason, einer kreolischen Tänzerin, die Rochester als geisteskrank abgestempelt auf seinem Dachboden versteckt. Jane verlässt ihn, Bertha steckt das Haus in Brand. Kein Vorhang fällt und Nairi Hadodo(Text, Schauspiel und Regie) und Daniela Holtz (Regie) enden das Stück vor der ursprünglichen Handlung. Ein feministischer Cut, denn im Roman von Charlotte Brontë kehrt Jane zum schwerverletzten Rochester zurück. Zum Zeitpunkt seiner Veröffentlichung war „Jane Eyre“ eine fortschrittlich feministische Heldenreise. Man ist beim Lesen dennoch enttäuscht, dass Jane den mittelmäßigen Mann heiratet, der ihr genauso mittelmäßig den Hof gemacht hat. Umso besser geht es nach dem Abend am Gorki. In Hadodos One-Woman-Show spielt sie so herrlich (literally) unerträglich den selbstüberschätzten Macho-Rochester, hält als Jane Monolog über die glorifizierte Durchschnittlichkeit blonder, weißer Männer mit blauen Augen und als Bertha einen über ihre Wut: „Mein Name ist Bertha Antoinetta Mason (…) und ein schwacher weißer Mann wurde mir zum Verhängnis, weil seine Macht sich auf Struktur bezogen hat, während meine Macht in meinem Körper wohnt.“ Hadodo verwebt Romanvorlage, Popkultur, Musik und viel Zorn. Und während alles in Flammen steht, bleibt eins: Eine meisterinnenhafte Studie über weibliche Wut.
Text: Inga Krumme / Fotos: Ute Langkafel (Maifoto)
Maxim Gorki Theater, Am Festungsgraben 2, 10117 Berlin–Mitte; Stadtplan
Jane Eyre 09. & 10.04.2026 20h30. Eventuelle Restkarten an der Abendkasse erhältlich.
@maxim_gorki_theater


