Im Zeiss-Planetarium kann man sich tief in den mittelalterlichen Kosmos der Mystikerin Hildegard von Bingen träumen. Dunkelheit singt sich über die Kuppel des Planetariums, mystische Gesänge erklingen, während sich Bilder aus mittelalterlichen Zeichnungen entfalten. Es sind Fragmente, Kompositionen, Klänge und Textpassagen aus Hildegard von Bingens visionären Hauptwerk „Scivias“. Zurückgelehnt auf den Sitzen des Zeiss-Planetariums kann man so das Denken der progressiven Philosophin, Theologin, Künstlerin, Naturbeobachterin, Komponistin und Medizinerin nachempfinden, die im 12. Jahrhundert Äbtissin des Klosters Rupertsberg bei Bingen am Rhein war. Das englischsprachige audiovisuelle Programm folgt Hildegards Denken durch die Etappen der Schöpfung, wie sie in der Genesis, der Schöpfungsgeschichte angelegt sind, und kreist um das Bild vom „kosmischen Ei“: ein geozentrisches Weltmodell, in dem Sonne, Mond und Sterne die Erde umziehen, während sich Licht und Finsternis, Ordnung und Widerstreit begegnen. Dieses Universum ist zugleich Abbild des mittelalterlichen Wissens und ein von geistigen Kräften durchdrungener Raum. Es liegt etwas poetisch-tröstendes darin, die dunklen Sterne zu betrachten, die in die Wellen fallen, oder die teils merkwürdig altmodisch animierten Fischschwärme über einem zu beobachten, während eine Stimme aus dem Off das Gesehene erläutert.
Die erhaltenen Dokumente Hildegard von Bingens zeugen von einem wachen, staunenden Blick auf die Welt und von einem beharrlichen Fragen nach dem Zusammenhang von Mensch, Natur und Kosmos. Das gelehrte Wissen des 12. Jahrhunderts bildet den Grund ihrer Darstellungen, das sie jedoch in Bilder übersetzt, deutet, verdichtet und in eine umfassende theologische Symbolik überführt. Grundlage für die Animationen bildet dabei eine farbige Reproduktion des heute verschollenen Originalmanuskripts, das Benediktinerinnen der Abtei St. Hildegard in Eibingen Anfang der 1930er Jahre angefertigt haben. Und während man so die Ornamente des Kosmos betrachtet, fühlt man sich selbst ganz aufgehoben – als Teil eines größeren Ganzen und in der angenehmen Relativität der Zeit.
Text: Hilka Dirks / Credit: Abtei St. Hildegard, Rüdesheim-Eibingen; Deutsches Historisches Museum / Fotos: Natalie Toczek, Sandra Kühnapfel
Zeiss-Großplanetarium, Prenzlauer Allee 80, 10405 Berlin–Prenzlauer Berg; Stadtplan
„Creation and Cosmos according to Hildegard of Bingen“ – Das Universum von Hildegard von Bingen 19.02., 05. & 19.03.2026 jeweils 15h30 (die Veranstaltung findet in englischer Sprache statt).
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