Wir sind Zuschauer:innen einer Auktion. Tapetenrollen aus dem privaten Schlafzimmer, ein Harpsichord, ein Archipel mit Villa und zugehörigem Tanzstudio; versteigert wird das Leben von Rudolf Chametowitsch Nurejew, einem der bekanntesten Balletttänzer aller Zeiten. 1961 ging er in Frankreich ins Exil – es folgte die große Karriere des Mannes mit der großen Persönlichkeit. Dieses Stück sollte verhindert werden – wurde dann aber ein großer Erfolg. Mittlerweile ist es in Russland verboten, denn es widerspricht den Anti-LGBTQIA*-Gesetzen des Landes. Nurejew war schwul. Regisseur Kirill Serebrennikov und Choreograf Yuri Possokhov inszenierten es 2017 in Moskau, am Bolschoi. Nun ist es getanzt vom Staatsballett in Berlin zu sehen. Das Bühnenbild in der Deutschen Oper schichtet sich um, nächstes Setting: Ballettstudio, wir treffen Rudolf Nurejew. Der steht von nun an fast ununterbrochen auf der Bühne, wenn nicht im Solo, dann am Rand oder im Hintergrund, Demi-Plié in Scenic View. Das Stück erzählt dicht verwebt Schauspieler Odin Lund Biron, mal als Auktionator, mal als sowjetischer Funktionär, dann liest er Liebesbriefe vor. Die Pas de deux des Abends sind erst angespannt im Proberaum, später sanft an der Barre mit Nurejews Partner Erik Bruhn, oder dramatisch unterm Kronleuchter mit Dame Margot Fontaine, mit der ihn eine besondere berufliche Partner:innenschaft verband.
Nach der Pause Perspektivwechsel: Wir sitzen in der Auktion, das Publikum zahlt. Dann beginnt die große Freiheit, David Soares als Nurejew tanzt sich durch das glitzernde Nachtleben mit seinen queeren Gestalten, durch Ballrooms, ins Fotostudio von Richard Avedon. Nurejew tanzt auf dem Tisch, nackt im Nerz, von Paparazzi verfolgt, alles ist ganz groß. Nurejew mischt sich ein, Nurejew macht Ansagen, Nurejew rastet aus. Nurejew steigt als Sonnenkönig über die Rücken gebeugter Männer. Dazwischen immer wieder und besonders köstlich: das grau beanzugte Auktionspublikum. Letzte Szene, „La Bayadere“: Im Zickzack schreiten Tänzer:innen eine Rampe hinunter – ein Echo Nurejews choreographischer Handschrift. Gebeugt von seiner AIDS-Erkrankung steigt er in den Orchestergraben und nimmt den Stab in die Hand. Nurejew dirigiert sein eigenes Schlusslied. Die Musik von Ilya Demutsky ist eine üppige Collage mit viel Tschaikowsky, fliegende Kostüm- und Bühnenbildwechsel zu Schwanenseefragmenten. Zwischendurch steht ein Chor auf der Bühne. Aber wer Tschaikowsky-Fantasy oder die sonst geradlinige Bühnensprache von Christian Spuck erwartet, ist hier falsch. Es ist ein überraschend didaktisches Ballett (und Schauspiel), das ein Leben erzählt. Und so pompös wie sonst lange nicht auf den Bühnen des Staatsballetts Berlin. Mit „Nurejew“ wird in großer Manier ein großer Charakter erzählt. An ein, zwei Stellen lungert der Kitsch, den ich aber nicht übel nehmen kann, denn dass dieses Leben nur in einem überbordenden Spektakel erzählt werden kann, versteht man spätestens, wenn Nurejew am Ende selbst den Takt vorgibt.
Text: Inga Krumme / Fotos: Carlos Quezada
Deutsche Oper, Bismarckstr.35, 10627 Berlin–Charlottenburg; Stadtplan
Nurejew. Alle Termine findest Du hier.
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