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SUCHE NACH DEM VERLORENEN VATER: DIANA MARKOSIAN BEI FOTOGRAFISKA

SUCHE NACH DEM VERLORENEN VATER: DIANA MARKOSIAN BEI FOTOGRAFISKA

Lange war der Vater der Fotokünstlerin Diana Markosian in ihrem eigenen Leben eine Leerstelle. „Fast mein ganzes Leben lang war mein Vater nichts weiter als eine ausgeschnittene Silhouette in unserem Familienalbum. Eine Erinnerung an das, was nicht da war“, sagt sie. In ihrer Kindheit verschwand er oft monatelang. Bis ihre Mutter es nicht mehr aushielt, und schließlich selbst ging: Sie verließ Markosians Vater und wanderte mit den Kindern von Moskau nach Kalifornien aus. Markosian war damals sechs Jahre alt. Während ihre Mutter den Vater mit der Schere aus dem Alltag und den Fotoalben entfernte, kann und will Markosian die Erinnerung an ihn nicht einfach auslöschen. Fünfzehn Jahre, nachdem sie ihn zuletzt gesehen hatte, machte sie sich in Armenien auf die Suche nach ihm. Sie hatte weder ein Foto noch einen Kontakt, an den sie sich wenden konnte. Sie fand ihn schließlich und dokumentiert mit der Kamera ihre Bemühungen, über ein Jahrzehnt hinweg eine Beziehung zu ihm aufzubauen. Dabei offenbart jeder Besuch neue Facetten des verlorenen Elternteils. Die Serie „Father“ ist nun bei Fotografiska Berlin zu sehen. So nüchtern und direkt wie der Titel ist auch Markosians visuelle Auseinandersetzung mit Herkunft, Verlust und der Sehnsucht nach Zugehörigkeit.

Die Fotokünstlerin rekonstruiert die fragile Linie zwischen Erinnerung und Verdrängung. In Berlin zeigt sie, wie die Suche nach dem abwesenden Elternteil zu einem Akt der Selbstbefragung wird. Über mehr als zehn Jahre hinweg tastet sie sich an einen Mann heran, der in ihrer Biografie eher Mythos als greifbare Figur war. Die Ausstellung entfaltet sich wie ein stilles Tagebuch: intime Bilder, Videoarbeiten, Fragmente von Gesprächen. Alles kreist um die Frage, wie man Nähe wiederherstellen kann, wenn die Zeit sie längst hat flüchtig werden lassen. Markosian lädt uns ein, Komplexität auszuhalten: jenseits von Schuldzuweisungen und einfachem Trost. Stattdessen entsteht ein Raum, der familiäre Bindungen als lebendige, widersprüchliche Organismen begreift. „Father“ zeigt, dass Kunst heilsam sein kann, ohne zu glätten – und wie verletzlich wir werden, wenn wir uns unserer eigenen Geschichte stellen.

Text: Laura Storfner / Fotos: Diana Markosian

Fotografiska Berlin, Oranienburger Str.54, 10117 Berlin–Mitte; Stadtplan
Diana Markosian: Father 21.11.2025–19.04.2026

@fotografiska.berlin
@markosian

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UNTERREDUNG MIT GE(I)STERN — DIE NEUE AUSSTELLUNG IM EIERHÄUSCHEN

UNTERREDUNG MIT GE(I)STERN — DIE NEUE AUSSTELLUNG IM EIERHÄUSCHEN

„It’s very difficult to keep the line between the past and the present. Do you know what I mean?“* heißt die textile Serie von Josefine Reisch und wirkt wie ein leiser Riss im Raum. Wer dieser Tage ins Eierhäuschen in Treptow kommt, taucht in die Vergangenheit ein. „Im Gespräch mit Geistern“ heißt die Schau im Spreepark Art Space (23.11.2025 bis 22.02.2026) – im Schatten des Kulturparks Plänterwald, jenes einzigen Vergnügungsparks der DDR, der später zum berühmten Lost Place wurde. Seine Geister erwachen im historischen Eierhäuschen, das schon viele Leben gelebt hat: als früheres Ausflugslokal aus dem 19. Jahrhundert, zwischen Requisiten von DDR-Fernsehproduktionen, die in den 1960ern im Haus lagerten, im Café der Jugend, das 1973 während der Weltfestspiele entstand. Nicht zuletzt auch in Form eines alten Radioformats wie „Sieben bis Zehn: Sonntagmorgen in Spreeathen“, das einst mehrfach live aus dem Eierhäuschen gesendet wurde. Die Künstler:innen – darunter Maithu Bùi, Franziska Pierwoss, Josefine Reisch und Gabriele Stötzer – verweben persönliche und kollektive Erzählungen über den Spreepark und die Lebensrealität in der DDR, in denen sich Vergangenes nicht abschließt, sondern weiterwandert und seine Gestalt verändert.

Ihre Geister treten selten laut auf, aber sie unterhalten sich. Maithu Bùis Installation „Mathuật – MMRBX“ greift die vietnamesische Tradition des Wasserpuppentheaters auf, in der Geschichten, Ahnen und Schmerz im kollektiven Gedächtnis weitergetragen werden, sich in Orten und Materialien festsetzen. Josefine Reisch interpretiert Erinnerungstücher, wie sie in der DDR verbreitet waren: fragile Stoffe, die heute mehr über Brüche erzählen als über Festlichkeiten. Jackie Grassmann und Ernst Markus Stein wiederum widmen sich dem Ei, einem Symbol, das gleichzeitig universell, politisch und intim ist. Eine begleitende Radioreihe knüpft an jene Sonntagmorgen-Sendungen an, die einst aus dem Eierhäuschen herausgingen. Franziska Pierwoss bringt historische Parolen zum Leuchten und öffnet sie zugleich für neue Überlagerungen. Und dann ist da Annemirl Bauer, eine der kompromisslosesten Stimmen gegen das repressive Kunstsystem der DDR. Die Ausstellung entfaltet ihre Geschichten nicht als Rückblick, sondern in Gesprächen – und in einem vielfältigen Programm, darunter ein Workshop zum biografischen Schreiben, Musik, Performances und ein Filmabend mit Werken aus Vietnam. Und: Das alles ist kostenlos zugänglich. Hin und wieder, wenn man durch die Fenster des Eierhäuschens in den heutigen Spreepark blickt, scheint die Linie zwischen damals und heute so dünn, dass ein paar Geister mühelos hindurchschlüpfen können.

Text: Emma Zylla / Credit: Josefine Reisch / Stills: Gabriele Stoetzer

*Es ist sehr schwer, die Linie zwischen Vergangenheit und Gegenwart zu halten. Weißt du, was ich meine?

Spreepark Art Space, Kiehnwerderallee 2, 12437 Berlin–Plänterwald; Stadtplan 

Im Gespräch mit Geistern, 23.11.2025–22.02.2026. Opening 23.11.2025 11–18h u.a. mit Lesungen von Josefine Reisch und Gabriele Stötzer.

@spreeparkartspace

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BILDER EINER FLUCHT — „DER TRECK (1945)“ IM DOKUMENTATIONSZENTRUM FLUCHT, VERTREIBUNG, VERSÖHNUNG

BILDER EINER FLUCHT — „DER TRECK (1945)“ IM DOKUMENTATIONSZENTRUM FLUCHT, VERTREIBUNG, VERSÖHNUNG

Achtzig Jahre sind vergangen, seit das nationalsozialistische Deutschland kapitulierte – und seit Millionen Deutsche in den letzten Kriegsmonaten aus den Ostgebieten fliehen mussten. Die verzweifelten und entbehrungsreichen Trecks Richtung Westen wurden nur selten dokumentiert; meist existieren lediglich offizielle Aufnahmen der Wehrmacht. Nun präsentiert eine Ausstellung erstmals eine umfassende Sammlung professioneller Fotografien einer solchen Flucht. „Der Treck – Fotografien einer Flucht 1945“ im Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung zeigt 140 Aufnahmen, die die Fotograf:innen Hanns Tschira und Martha Maria Schmackeit im Frühjahr 1945 innerhalb von fünf Wochen machten. Mit ihren Leica-Kameras begleiteten sie rund 350 deutsche Zivilist:innen auf ihrem Weg aus Lübchen (heute Lubów) in Niederschlesien, während die vorrückende Rote Armee die deutschen Linien durchbrach. Diese bislang kaum bekannten historischen Fotografien werden durch aktuelle Arbeiten des Ostkreuz-Fotografen Thomas Meyer ergänzt. Meyer folgt der damaligen Fluchtroute und kehrt auch nach Lubów zurück, wo er heutige Bewohner:innen porträtiert – Menschen, die nach 1945 selbst im Zuge der neuen Grenzziehungen umgesiedelt wurden. Im Zusammenspiel mit den Aufnahmen von 1945 zeigen Meyers Porträts, wie die Erfahrungen von Flucht und Vertreibung über Generationen hinweg nachwirken.

Text: Benji Haughton / Fotos: Thomas Bruns, Hanns Tschira

Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung, Stresemannstr.90, 10963 Berlin–Kreuzberg; Stadtplan

Der Treck – Fotografien einer Flucht 1945 bis 18.01.2026, Eintritt ist frei.

@flucht_vertreibung_versoehnung

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DURCH IHRE AUGEN: C/O BERLIN ZEIGT FOTOGRAFINNEN DER AGENTUR MAGNUM

DURCH IHRE AUGEN: C/O BERLIN ZEIGT FOTOGRAFINNEN DER AGENTUR MAGNUM

Seitdem sie 16 Jahre alt ist, setzt die Libanesin Myriam Boulos auf ihre Kamera, um der Realität ein Stückchen näherzukommen. Sie fotografiert den Alltag ihrer Freund:innen in Beirut: Während vor den Fenstern 2019 die Revolution beginnt, hält sie die stillen Momente im Inneren, zwischen Ruinen und Demonstrationen, fest. Auf der Suche nach Nähe und Freiräumen arbeitet sie heute als Fotografin für die renommierte Agentur Magnum. Bei C/O Berlin hängen Boulos‘ tagebuchartige Aufnahmen nun als Teil der Ausstellung „Close Enough“ neben Werken von elf weiteren Magnum-Fotografinnen. In einem Langzeitprojekt begleitete Alessandra Sanguinetti über Jahrzehnte hinweg zwei Mädchen im ländlichen Argentinien mit ihrer Kamera. Carolyn Drake rückt in ihrer Serie „Men Untitled“ männlichen Modelle auf der Suche nach neuen Bildern von Maskulinität direkt in den Fokus. Erstmals wurde die Schau 2022 in New York zum 75-jährigen Bestehen der Agentur ausgestellt. Das C/O Berlin nimmt den eigenen 25. Geburtstag zum Anlass, das Konzept leicht verändert nach Berlin zu bringen.

Ausgehend von der Aussage des Kriegsreporters Robert Capa, „If your pictures aren’t good enough, you’re not close enough“, loten zwölf Perspektiven aus, wie viel Nähe im dokumentarischen Blick liegen darf. Wie viel Vertrautheit, wie viel Distanz braucht das Verhältnis zwischen Bildurheberin und Motiv? Danach kann man Carolyn Drake persönlich am 18.11.2025 fragen, wenn sie zusammen mit ihrer Kollegin Bieke Depoorters bei C/O Berlin zu Gast ist und Einblicke in ihre Arbeitsweisen und die aus den Projekten hervorgegangen Fotobüchern gibt. Das Wechselspiel von Nähe und dokumentarischer Distanz zieht sich auch durch die von Mubi eigens für die Ausstellung kuratierte Filmreihe. Am 22.11. findet die „Mubi Night at C/O Berlin“ statt. Als Highlight des Abends wird der ikonische Film „Working Girls“ (1986) von Lizzie Borden gezeigt – Teil der Filmreihe „Close Enough: Perspektiven von Filmemacherinnen„. Der Film begleitet Sexarbeiter:innen durch ihren Alltag und begegnet ihnen dabei mit Zugewandtheit und Menschlichkeit – fern von Voyeurismus und Naivität. Zusätzlich bleibt die Ausstellung bis 24h bei freiem Eintritt geöffnet. Die ersten Besucher:innen erhalten ein besonderes Giveaway und einen kostenlosen Drink. Für die musikalische Begleitung sorgt Natalie Robinson mit ihrem DJ-Set. Sowohl Bordens Ansatz, als auch die Haltung ihrer Protagonist:innen könnten den Kern von „Close Enough“ nicht eindrücklicher auf den Punkt bringen. Emotionale Grenzen verlaufen unsichtbar auch dort, wo auf den ersten Blick kein Platz für Distanz ist.

Text: Laura Storfner / Credits: The Necklace, 1999 © Alessandra Sanguinetti/Magnum Photos; A plane flying low over students at an amusemenet park, Istanbul, Turkey, 2018 © Sabiha Çimen/Magnum Photos; David von Becker

C/O Berlin, Hardenbergstr.22–24, 10623 Berlin–Charlottenburg; Stadtplan
Close Enough – Perspectives by Women Photographers of Magnum bis 28.01.2026

Talking Books Expanded mit Bieke Depoorter & Carolyn Drake 18.11.2025 18–20h. Weitere Termine am 03.12.2025 mit Lúa Ribeira und 22.01.2026 mit Myriam Boulos & Olivia Arthur.

Mubi Night at C/O Berlin 22.11.2025 18–00h. Eintritt frei. 
Film Screening von Working Girls: 18–19h30 (Anmeldung geschlossen, Restplätze ggf. vor Ort), DJ-Set ab 20h mit Natalie Robinson.

@coberlin

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ERINNERUNG IST ETWAS AKTIVES — 25 JAHRE STÄDTEPARTNERSCHAFT WINDHOEK & BERLIN

ERINNERUNG IST ETWAS AKTIVES — 25 JAHRE STÄDTEPARTNERSCHAFT WINDHOEK & BERLIN

Etwa 8.356 Kilometer liegen zwischen Berlin und Windhoek, der Hauptstadt Namibias – und doch rücken die beiden Städte zum Jubiläum ihrer Städtepartnerschaft besonders nah zusammen. Ihre Geschichte ist seit Langem miteinander verwoben, geprägt durch die gemeinsame koloniale Vergangenheit. Seit 25 Jahren verbindet die Städtepartnerschaft Berlin und Windhoek: Sie macht historische Zusammenhänge sichtbar und erfahrbar, hält Erinnerungskultur lebendig und richtet den Blick zugleich bewusst nach vorn – um Räume für Begegnung, Austausch und vielfältige Perspektiven auf ein nachhaltiges Morgen zu schaffen. Anlässlich der 25 Jahre Städtepartnerschaft Windhoek–Berlin will die Jubiläumswoche vom 17. bis 23. November 2025 zum Nachdenken anregen: Zu erleben gibt es mehr als 30 Veranstaltungen von über 40 Partner:innen und mit rund 100 Mitwirkenden aus Kunst, Film, Musik und Wissenschaft. Die wichtigsten Säulen für das Programm sind dabei zivilgesellschaftliche und aktivistische Akteur:innen beider Städte, die kommunale Netzwerke stärken und Dialoge anregen. Das vielfältige Programm macht es spürbar: Während der gesamten Woche wird die künstlerische Intervention „Memory Scripts“ der Windhoeker Künstlerin Vitjitua Ndjiharine als Projektion am Abgeordnetenhaus Berlin zu sehen sein. Auch die Stadtrundgänge von Berlin Postkolonial und deSta – dekoloniale Stadtführung zeigen, wie viel koloniales Erbe in Berliner Gemäuern und Straßenzügen steckt. Mitreißend wird es am 21., 22. und 23. 11. im Humboldt Forum: Nach der Weltpremiere in Windhoek trifft traditionelle Chormusik auf Performance, Tanz und Schauspiel, wenn das namibisch-deutsche Künstler:innenkollektiv um den Theaterverein Momentbühne die Musiktheaterproduktion „People of Song“ aufführen.

Afrikamera stellt am 19.11. unter dem Titel „Windhoek Shorts“ namibische Kurzfilme vor und lädt Filmschaffende und Interessierte zum Austausch ins Sinema Transtopia. Die Pop-up-Ausstellung „REFRAME Namibia“ vom jungen Fotograf:innenkollektiv REFRAME zeigt Perspektiven des Widerstands. Im Gropiusbau (20.11.) und im Berlin Global Village (17.11.) fragen Panels und Workshops konkret nach: Wie lässt sich eine Partnerschaft dekolonial denken? Wie entstehen Beziehungen, die das koloniale Erbe nicht verwalten, sondern freilegen? Erinnerung zeigt sich in dieser Woche nicht als stille Rückschau, sondern als aktive Bewegung – über Kilometer hinweg und direkt vor der Tür.

Text: Emma Zylla / Credits: „People of Song“ © Michael Nakapandi, Surreal Art Creative Studio, Windhoek; „Memory Scripts“ © Vitjitua Ndjiharine; „Shadows of the Past“ © Julia Runge, 2023-2025

25 Jahre Städtepartnerschaft Windhoek–Berlin
17.–23.11.2025. Das ganze Programm und die Veranstaltungsorte findest Du hier.

@kulturprojekteberlin

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