GEBAUTE UTOPIE: UNTERWEGS IM HANSAVIERTEL MIT GROTTO

GEBAUTE UTOPIE: UNTERWEGS IM HANSAVIERTEL MIT GROTTO

Das Berliner Hansaviertel und ich sind alte Bekannte. Als Landschaftsarchitektin kenne ich das Viertel zwischen Großem Tiergarten und Spree in- und auswendig – zu jeder Jahreszeit. Und ich dachte, ich wüsste bereits alles. Die Touren von Grotto mit Architektin Maria Helena (auf Englisch) oder Kuratorin und Cafébetreiberin Leonie Herweg (auf Deutsch) – einer Expertin, die dort lebt und arbeitet – belehrten mich eines Besseren. Bevor das Hansaviertel zu dem wurde, was es heute ist, war es eine der begehrtesten bürgerlichen Adressen Berlins. Das Stadtbild damals: elegante Alleen, reich verzierte Fassaden, prächtige Villen und die Heimat von historischen Stätten wie der ersten Berliner Wohnung Rosa Luxemburgs und Adresse des Ateliers von Käthe Kollwitz. Und auch eine der größten jüdischen Gemeinden und zwei Synagogen waren im Vorkriegs-Berlin hier angesiedelt. Drei Altbaugebäude und die originalen Straßennamen sind eine Reminiszenz an vergangene Zeiten. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde hier die Internationale Bauausstellung 1957initiiert – ein Modellprojekt für modernes Wohnen. Die Interbau 1957 lud Walter Gropius, Oscar Niemeyer, Alvar Aalto, Werner Düttmann und fünfzig visionäre Architekt:innen ein, genau hier eine Stadt von morgen zu entwerfen – als direktes ideologisches Gegengewicht zur monumentalen Karl-Marx-Allee (damals Stalinallee), die 1951 im Ostteil der Stadt entstand.

Das Hansaviertel setzt sich aus verschiedenen architektonischen Typologien zusammen: Punkt- und Scheibenhochhäuser, Zeilenbauten, Sonderbauten und Bungalows. Herta Hammerbacher, die einzige Frau unter den Beteiligten, gestaltete den Hansaplatz – das Herzstück des Viertels. Wir flanieren vorbei an architektonischen Juwelen wie der Akademie der Künste, die nicht nur für ihre beeindruckende Fassade bekannt ist, sondern auch als Zentrum für Kunst und Kultur fungiert. Weiter westlich stehen im dichten Grün des Tiergartens meine Lieblingshäuser: das Oscar-Niemeyer-Haus, das Eternithaus, das Alvar-Aalto-Haus und das Schwedenhaus mit dem neuen Café Tiergarten, das Leonie mit ihren Geschäftspartner:innen seit 2025 betreibt. Im sonnigen Garten der Hansabibliothek genießen wir, gemeinsam mit vereinzelten Leser:innen, die Ruhe: ein idealer Rückzugsort im Gewimmel der Stadt. Läuft man weiter Richtung Westen, kommen wir an den Bungalows von Sep Ruf und Arne Jacobsen vorbei – auch so kann man in Berlin wohnen. Aus den Trümmern entstand eines der kühnsten städtebaulichen Experimente Berlins. Der Einsatz neuer Materialien, Split-Level, flexibler Grundrisse und großzügiger Fensterfronten zeichnet die neuen Wohngebäude aus. Das Hansaviertel ist bis heute gebaute Utopie – und gleichzeitig ein Ort, an dem Geschichte in jeder Sichtachse mitschwingt. Wer sich auf die Tour mit Leonie und Maria begibt und genau hinschaut, entdeckt zwischen Beton und Grün die Schichten einer Stadt, die sich immer wieder neu erfindet.

Text: Milena Kalojanov / Fotos: Grotto

Treffpunkt: Hansabibliothek, Altonaer Str.15, 10557 Berlin–Hansaviertel; Stadtplan

Die Hansaviertel Tour kannst Du hier buchen.

@grotto.berlin

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