Die geometrischen Rastergemälde in den Primärfarben Rot, Gelb und Blau sind untrennbar mit dem Niederländer Piet Mondrian verbunden. Aber wer hätte gedacht, dass die britische Künstlerin Marlow Moss Mondrian nicht nur begegnete, sondern seine abstrakte Formensprache auch beeinflusste? Sieben Jahrzehnte nach ihrem Tod wird Moss wiederentdeckt und erstmals auch in Deutschland mit einer großangelegten Schau im Georg Kolbe Museum gewürdigt. Im Westend wird nicht nur Moss‘ Geschichte erzählt, sondern mit Gegenwartskünstler:innen wie Leonor Antunes, Tacita Dean, Florette Dijkstra und Ro Robertson der Bogen zur Jetztzeit gespannt. Denn Marjorie Jewel Moss, wie sie mit vollem Namen hieß, lebte ein Leben, das gut in das Berlin von 2026 gepasst hätte. Sie wurde 1889 in London geboren, studierte Kunst, zog nach Cornwall und erfand sich neu: mit Kurzhaarschnitt, Anzug und neuem Namen. „Marlow“ war geboren. Und obwohl die Künstlerin weiterhin das Pronomen „sie“ benutzte und ihre Sexualität nicht offen definierte, fühlte sie sich in einem Lebensentwurf, die wir heute queer nennen würden, am wohlsten.
In den späten Zwanzigern zog Moss nach Paris, wo sie Teil der Avantgarde-Szene wurde und schließlich Mondrian kennenlernte. Beide tauschten sich aus, respektierten und beeinflussten sich gegenseitig. Während Mondrian nach New York auswanderte, zog sich die jüdische Moss mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs zunächst in die niederländische Provinz Zeeland zurück und floh später nach Cornwall. Bis zu ihrem Tod lebte und arbeitete sie zurückgezogen im kleinen Fischerdorf Lamorna. Die Arbeit blieb in diesen Zeiten im Exil ihre Konstante, auch wenn ihr Werk in Großbritannien nicht im selben Maß gewertschätzt wurde wie zuvor in Frankreich und den Niederlanden. Im Westend sind erstmals auch ihre Skulpturen, von denen nur wenige erhalten geblieben sind, zu sehen. Glatt polierte, goldene Kugeln paarte sie mit Granit von der rauen Südwestküste Englands. Dass Natur und Abstraktion als Pole ihr Wirken bestimmten, führt eine ihrer Skulpturen im Garten des Kolbe Museums besonders eindrücklich vor. Den Kuratorinnen Dr. Lucy Howarth und Dr. Elisa Tamaschke gelingt eine Schau, die eine vielschichtige Künstlerin in all ihren Facetten und Widersprüchen vorstellt: eine Visionärin, der endlich die Aufmerksamkeit zuteil wird, die sie schon zu Lebzeiten verdient hätte.
Text: Laura Storfner / Fotos: Jens Ziehe
Georg Kolbe Museum, Sensburger Allee 25, 14055 Berlin–Westend; Stadtplan
Räume schaffen. Die Konstruktivistin Marlow Moss – mit Leonor Antunes, Tacita Dean, Florette Dijkstra und Ro Robertson bis 26.07.2026.
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