Magie und Überraschung gehören zu den Dingen, die die mexikanische Fotografin Graciela Iturbide bis heute antreiben. Überraschend begann auch ihre Karriere: Mit Ende zwanzig, als Mutter von drei Kindern, hörte sie 1969 im Radio eine Annonce der nationalen Filmhochschule Mexikos und beschloss kurzerhand, sich zu bewerben. Sie wurde angenommen und stieg schnell als Assistentin ihres Lehrers Manuel Álvarez Bravo auf, der heute als Begründer der mexikanischen Kunstfotografie gilt. Das Symbolisch-Fantastische und die Freude am Experimentieren beeinflussten auch Iturbide, die sich jedoch bald auf die Dokumentarfotografie spezialisierte. So folgte sie Anfang der Achtziger den nomadisch lebenden Seri für eine Reportage in die Sonora-Wüste. Traditionen, die zur mexikanischen Kultur gehören, spürte sie auch in ihrer Arbeit „La Matanza“ nach, für die sie das rituelle Ziegenschlachten in der Mixteca-Region begleitete. C/O Berlin wirft nun einen Blick auf das Gesamtwerk der heute 84-Jährigen: In enger Zusammenarbeit mit der Künstlerin ist die Ausstellung „Eyes to Fly With“ entstanden, die neben ihren wichtigsten Serien einen besonderen Fokus auf die Rolle der Frauen in der mexikanischen Gesellschaft legt.
Exemplarisch dafür steht der Zyklus „Juchitán de las Mujeres“ über die indigene Bevölkerungsgruppe der Zapotek:innen. Über einen Zeitraum von fast zehn Jahren besuchte Iturbide immer wieder die kleine Stadt Juchitán im Bundesstaat Oaxaca, knüpfte Freundschaften und lernte die lokale Kultur kennen. Im Zentrum ihrer Arbeit stehen die Frauen und die sogenannten Muxes – Menschen, denen bei der Geburt das männliche Geschlecht zugewiesen wurde, die sich jedoch nicht damit identifizieren. In Juchitán haben Frauen und Muxes bedeutenden politischen, wirtschaftlichen und spirituellen Einfluss. Iturbides Fotografien objektivieren oder exotisieren sie nie. Ihre Praxis ist vielmehr vom persönlichen Sehen beeinflusst: Iturbide begegnet den Modellen nicht als anonyme Außenstehende, sondern hält ihre eigenen Interaktionen mit der Gemeinschaft in Bildern fest. Respektvoll und subjektiv gestaltete sich auch ihre Auseinandersetzung mit der wohl bekanntesten Künstlerin Mexikos: Frida Kahlo. Jahre nach dem Tod der Malerin näherte sich Iturbide Kahlos Wohnhaus, dem Casa Azul in Mexiko-Stadt, als Wirkungsfeld und Pilgerstätte. Egal, wo Iturbide fotografiert – ob in ihrer Heimat oder auf Reisen – ihr gelingen intensive Porträts, aus denen stets ihre einfühlsame, kraftvolle Handschrift spricht. Ihre Bilder bewegen sich zwischen Dokumentation und Traumwelt. Sie sind fest in der Realität verankert, aber von so starker poetischer Sensibilität durchdrungen, als wolle Iturbide nichts weniger als die Magie des Alltags offenlegen.
Text: Laura Storfner / Fotos: Alhelí, Oaxaca, Mexiko, 1995; Nuestra Señora de las Iguanas, Juchitán, Oaxaca, Mexiko, 1979; Mujer ángel, Sonora-Wüste, Mexiko, 1979 / Credit: Graciela Iturbide
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„Graciela Iturbide . Eyes to Fly With“ bis 10.06.2026
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