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LAKOU, ZEMI UND DAS WEITERWIRKEN VON GESCHICHTE — BWA KAYIMAN IM HKW

LAKOU, ZEMI UND DAS WEITERWIRKEN VON GESCHICHTE — BWA KAYIMAN IM HKW

Lakou ist haitianisches Kreolisch und meint ein Stück Land. Oder einen kleinen Hof, vor allem aber einen Ort, an dem alle wichtigen Aspekte des Zusammenlebens passieren. Und es ist in seinem Wortursprung der Untertitel vom diesjährigen Bwa Kayiman Festival im Haus der Kulturen der Welt. Das Festival passiert dieses Jahr schon in seiner dritten Auflage, wieder mit einem dichten Programm aus Performance, Ritualen, Gesprächen, Poesie, Musik, Essen, Film und installativen Arbeiten. Es geht um Souveränität: als bewusste Auseinandersetzung mit Formen von Widerstand, Zugehörigkeit, Erinnerung und Weitergabe. Dazu zählen etwa Performances wie „Plidetwal – Rain of Stars„, einer „poetic assembly“ auf haitianischem Kreolisch und Französisch (teilweise wird simultan übersetzt). Oder „Tongue and Throat Memories„, Teil einer laufenden Serie im HKW, die Essen, Erinnerung und Identität verknüpft. Morgen (01.08.) lädt Chef Craig Wong mit „Patois Gathering from Asia to the Caribbean“ zu „Food Offerings“ in den Lili Elbe Garden – und schafft dabei eine kulinarische Verbindung seiner jamaikanisch-chinesischen Herkunft. Überhaupt sind alle Beiträge nicht auf eine Bühne konzentriert, sondern über das Haus verteilt und bewusst offen angelegt. Zemí ist ein Wort aus der Taíno-Sprache und beschreibt eine Form spiritueller Präsenz, die sich in Objekten, Landschaften, Ahn:innen oder Gesten zeigen kann. Genau das will Bwa Kayiman: Geschichte als etwas begreifen, das nicht abgeschlossen ist, sondern im Alltag weiterwirkt.

Text: Inga Krumme / Credits: Vibrations, Translations, Slim Soledad, 2023, Foto: Mayra Wallraff; Patois Toronto; Studio Bowe

Haus der Kulturen der Welt (HKW), John-Foster-Dulles-Allee 10, 10557 Berlin–Tiergarten; Stadtplan
Bwa Kayiman – Lakouzémi 01.–03.08.2025. Alle Termine findest Du hier.

@hkw_berlin

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ZWÖLF NÄCHTE ZUM DURCHTANZEN — „DURCHLÜFTEN“ BRINGT FRISCHEN MUSIKALISCHEN WIND INS HUMBOLDT FORUM

ZWÖLF NÄCHTE ZUM DURCHTANZEN — „DURCHLÜFTEN“ BRINGT FRISCHEN MUSIKALISCHEN WIND INS HUMBOLDT FORUM

Was 2021 begann, ist längst fester Bestandteil des Mitte-Sommers: Durchlüften, das Open-Air-Musikfestival im Schlüterhof des Humboldt Forums, geht in die fünfte Runde – und bringt auch in diesem Jahr wieder frische Luft und neuen Sound in die Mitte der Stadt. An vier Wochenenden (17.07.–09.08.2025), jeweils donnerstags bis samstags, verwandeln 24 Live-Acts und 12 DJs aus aller Welt den historischen Innenhof in einen global vibrierenden Klangraum. Das musikalische Programm ist ein genreübergreifendes Fest – gut tanzbar, tief verwurzelt und offen für alle. Der Eintritt? Frei. Kuratiert wird das Festival von Musikexpertin Melissa Perales, die auch in diesem Jahr wieder eine Bühne für Künstler:innen aus Afrika, Südamerika und Asien schafft – und für Sounds, die von Identität, Exil, Dekolonisierung, kultureller Weitergabe und Community erzählen. So trifft etwa bei Odd Okoddo (Kenia/Deutschland) der „Dodo Blues“ auf die Rhythmen von Sven Kacirek, und Jeano Elong (Kamerun/Deutschland) bringt den Tanz der Mkoum auf die Bühne, als Teil seiner musikalischen Fluchtgeschichte.

Mehr Highlights: Die Minyo Crusaders (Japan/Kolumbien) fusionieren japanische Volkslieder mit Cumbia. Charif Megarbane lässt seinen Sound zwischen Beirut, Nairobi und Lissabon wandern. Und das Duo Ibelisse Guardia Ferragutti & Frank Rosaly bringt brasilianische, bolivianische und puerto-ricanische Einflüsse zu einer musikalischen Erfahrung zwischen Widerstand und Ritual zusammen. Durchlüften schafft Raum – für Begegnungen, für Austausch, für Geschichten. Für Musik, die aus den Realitäten ihrer Macher:innen wächst. Und für Klänge, die nicht nur Ohr, sondern auch Herz und Körper bewegen. Also: Vorbeikommen, zuhören, durchtanzen. Es gibt frischen Wind auf die Ohren.

Text: Leo Sandmann / Fotos: Frank Sperling, Lucho Vildales, Yukitaka Amemiya

Schlüterhof des Humboldt Forums, Schloßplatz, 10178 Berlin–Mitte; Stadtplan
Durchlüften 17.07.–09.08.2025, immer donnerstags–samstags (kostenloser Eintritt).

@humboldtforum

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AUF DEN SPUREN DER MODERNE: DAS JÜDISCHE MUSEUM ERINNERT AN VERGESSENE DESIGNERINNEN

AUF DEN SPUREN DER MODERNE: DAS JÜDISCHE MUSEUM ERINNERT AN VERGESSENE DESIGNERINNEN

Was verbindet Friedl Dicker und Maria Luiko? Beide waren erfolgreiche, jüdische Künstlerinnen, die zu den angesehensten Talenten der 1920er und 1930er Jahre gehörten. Dicker wurde in Wien geboren und studierte am Bauhaus in Weimar, bevor sie sich als Innenarchitektin einen Namen machte. Luiko stammte aus München und stellte dort regelmäßig als Künstlerin aus: Ihr Schaffen war vielfältig — sie illustrierte Bücher für den Schriftsteller Ernst Toller und entwarf Marionetten fürs Theater. Heute sind sie nur noch wenigen bekannt: Ihre Leben und ihre Karrieren fanden durch die Nationalsozialisten ein Ende. Dicker wurde im KZ Auschwitz ermordert, Luiko im Fort IX von Kaunas. Das Jüdische Museum Berlin erinnert nun in einer umfassenden Gruppenausstellung an die beiden und über 60 andere jüdische Kunsthandwerker:innen, Designer:innen und Maler:innen, die als Pionier:innen in ihren Disziplinen den Weg für nachfolgende Generationen bereiteten.

So legte die Silberschmiedin Emmy Roth als eine der ersten Frauen* in Deutschland in ihrem männerdominierten Feld die Meisterprüfung ab. Ihre Tee- und Kaffeekannen sind so elegant wie minimalistisch, dass sie heute noch in Berliner Cafés zum Einsatz kommen könnten. Die Kinderbuchautorin und Malerin Tom Seidmann-Freud, eine Nichte des Psychologen Sigmund Freud, gehörte zur schillernden Künstler:innenszene rund um das Romanische Café in Charlottenburg und gestaltete Märchen so expressionistisch, dass sie bis heute auch Erwachsene begeistern. Ihre Lebenswege zeichnet die Kuratorin Michal Friedlander mit Blick für Details und Kenntnisreichtum nach. Wir lernen Frauen kennen, die gegen gesellschaftliche Konventionen ankämpften, sich politisch engagierten und unbeirrt ihre Kunst und Lebensträume verfolgten. Neben namhaften Positionen wie Textilkünstlerin und Bauhaus-Lehrerin Anni Albers sind es vor allem die Frauen* der sogenannten „verschollenen Generation“, die man ab heute (10.07) um 17 Uhr im Jüdischen Museum Berlin bei Musik von den Balagan Sisters wiederentdecken kann. Damit Namen wie Friedl Dicker und Maria Luiko in Zukunft keine Unbekannten bleiben.

Text: Laura Storfner / Fotos: Jens Ziehe / Credit: Emmy Roth, Kaffee- und Teeservice, Berlin 1931, Silber, getrieben; Horn; Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. 2010/143/0; Western Regional Archives, State Archives of North Carolina; Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg

Jüdisches Museum Berlin, Lindenstr.9-14, 10969 Berlin–Kreuzberg: Stadtplan

Widerstände. Jüdische Designerinnen der Moderne“ 11.07.–23.11.2025. Eröffnung am Do 10.07. ab 19h (Ausstellungsbesuch ab 17h), kostenloser Eintritt am Eröffnungsabend.

@juedischesmuseumberlin

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MACHT, MORAL UND FAMILIÄRER ZERFALL — DIE SAAT DES HEILIGEN FEIGENBAUMS JETZT AUF MUBI STREAMEN

MACHT, MORAL UND FAMILIÄRER ZERFALL — DIE SAAT DES HEILIGEN FEIGENBAUMS JETZT AUF MUBI STREAMEN

Ein Film über Macht, Moral und familiären Zerfall: Mohammad Rasoulofs „Die Saat des heiligen Feigenbaums“ zeigt, wie politische Repression ins Innerste der Gesellschaft eindringt. Ab und zu überkommt sie mich, meist schleichend am Morgen, dann drückend am Nachmittag und abends ist sie mit voller Wucht da: die Sehnsucht nach einem wirklich guten Film. Wer das Gefühl kennt, kennt auch meistens die kleine, nervende Begleitfrage: aber was denn nun ansehen? Ein Glück, wer dieser Tage einen Mubi Account hat und das Oscar-nominierte Meisterwerk „Die Saat des Heiligen Feigenbaums“ von Mohammad Rasoulof noch nicht gesehen hat. Das ist nämlich zurzeit online auf der Streaming-Plattform verfügbar. Gedreht unter größter Geheimhaltung, erzählt der Film von Iman (Missagh Zareh), einem gläubigen Juristen, der mitten in der Protestwelle des Jahres 2022 zum Untersuchungsrichter am Revolutionsgericht ernannt wird.

Eine scheinbare Auszeichnung – doch die Beförderung bringt moralische Abgründe mit sich: Er soll Todesurteile absegnen, ohne Hintergründe oder Namen zu kennen. Während draußen die „Frau, Leben, Freiheit“-Bewegung erstarkt („Jin, Jiyan, Azadî“), beginnt es auch in Imans Familie zu brodeln. Seine Töchter Rezvan (Mahsa Rostami) und Sana (Setareh Maleki) sympathisieren zunehmend mit den Protesten, während seine Frau Najmeh (Soheila Golestani) versucht, Harmonie zu wahren. Als Imans Dienstwaffe verschwindet, kippt das Familiengefüge. Aus Misstrauen wird Verfolgung. Aus Kontrolle wird Gewalt. Die Familie flieht aufs Land – aber auch dort eskaliert die Lage. Ein intensives Kammerspiel entfaltet sich, das schmerzhaft deutlich macht, wie politische Repression in die intimsten Räume vordringt. Rasoulof setzt bewusst auf dichte Bilder, um den inneren Zerfall eines Mannes zu zeigen, der zwischen Macht und Schuld, Religion und Realität zerrieben wird. Das titelgebende Symbol – der heilige Feigenbaum – steht dabei für ein Regime, das sich wie ein wurzelstarkes Gewächs über alle Lebensbereiche legt. Getragen wird die fesselnde Geschichte von einer herausragenden schauspielerischen Leistung und einem feinsinnigen Gespür für Bilder. Echtes Kino eben. Und genau das Richtige für einen kühlen Sommerabend und das tiefe, dreistündige Einsinken ins Sofa – und in die Wirkmacht von Kino.

Text: Hilka Dirks / Stills: Die Saat des Heiligen Feigenbaums

Mubi

Die Saat des Heiligen Feigenbaums

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@mubideutschland

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50 JAHRE BERLINISCHE GALERIE — UND GANZ BERLIN IST EINGELADEN

50 JAHRE BERLINISCHE GALERIE — UND GANZ BERLIN IST EINGELADEN

Die Berlinische Galerie wird 50 Jahre alt und zelebriert das einfach den ganzen Sommer lang. Wer diesen Newsletter aufmerksam liest, hat schon mitbekommen, dass im Rahmen des BG Sommer Festivals einiges los ist, ob Workshops, Perfomances, Eröffnungen (wie zum Beispiel heute Abend, 10.07.2025 19h) oder andere Feierlichkeiten. Diesen Sonntag (13.07.2025) erreichen die Geburtstagsfestivitäten ihren Höhepunkt: mit dem BG Sommer Fest. Ein ganzer Tag lang volles Programm: Im Museum selbst kann man bei Führungen mit Kurator:innen neue Perspektiven auf bekannte Werke entdecken – darunter zur feministischen Ikone Hannah Höch, zu den Architekturschätzen der Sammlung oder zur Geschichte des Hauses selbst. Für alle, die lieber machen statt zuhören, gibt es Mitmachstationen im Außenraum: Wassermalen auf Asphalt, ein Pop-up-Fotoatelier, textile Aktionen mit dem schönen Titel „Wovon träumt der Löwenzahn?“ und offene Holz- und Siebdruck-Workshops.

Dazwischen: Konzerte vom KiezChor mit 80s- und 90s-Hits, Gespräche mit Schüler:innen über Berliner Kunstgeschichte und eine Performance von collectif blitzbereit, die Bewegungsmuster im Museum aufgreift – und spielerisch verdreht. Besonders lohnenswert: die heute neu eröffneten Ausstellungen sind auch offen und kostenfrei. „Inszeniertes Selbst“ zeigt Marta Astfalck-Vietz‘ fotografische Inszenierungen zwischen Rollenspiel und Experimentierfreude. In „Hero“ beschäftigt sich Monira Al Qadiri mit dem fossilen Rohstoff Öl und den geopolitischen Realitäten – mit Wandgemälde, Video und Objektinstallationen. Draußen im Garten und auf dem Platz: Drinks, Streetfood, Sonne – und natürlich Geburtstagstorte, wie es sich gehört. Happy Birthday, liebe BG!

Text: Inga Krumme / Fotos: Thi Thuy Nhi Tran

Berlinische Galerie, Alte Jakobstr.124–128, 10969 Berlin–Kreuzberg; Stadtplan

@berlinischegalerie

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