Sie überwinden Gräben – im wahrsten Sinne – und kommen Dir am Orchestergraben ganz nahe: die Tänzer:innen des Staatsballetts im Stück „Wunderkammer„. Ende Oktober 2025 war die Premiere des spanischen Choreographs Marcos Morau und Du kannst das Stück Ende November 2025 sehen und dann wieder im April 2026. Eine Wunderkammer wird oft als Kuriositätenkabinett gesehen, in jedem Fall ist es Sammlung voller Objekte unterschiedlichster Herkunft – ein Ort, der zusammenbringt, was vielleicht nie zueinander gehört hat und dennoch in Beziehung gesetzt werden kann. Vor allem aber ist eine Wunderkammer als Ort des Staunens, einer, an dem der Blick schweift und sich immer wieder Neues erschließt. Genau dieses Gefühl erzeugt „Wunderkammer“, das gleichnamige Stück das zurzeit vom Staatsballett Berlin gezeigt wird. Ein einsam taumelnder Akkordeonspieler mit abstrahierten Wasserwellen und einem Kostüm mit Anklängen an die 1920er Jahre eröffnet das Stück. Doch Wunderkammer blickt nicht nostalgisch zurück, sondern nimmt – ganz im Sinne des Titels – mit auf eine eklektische, retrofuturistische Reise. Das Akkordeon bleibt nicht lange allein: Die Kompanie umkreist den Spieler, während abstrahierte Harmonikas als szenische Elemente Rauch verströmen und die Bühne des Schillertheaters in eine mystische Szenerie tauchen.
Es wird nicht nur getanzt, sondern auch gesungen – und so zeigt sich das Stück als musikalisch vielfältig. Die Kompositionen von Clara Aguilar und Ben Meerweein schaffen eine Klangwelt, die sich ständig neu zusammensetzt: von Akkordeonsound über elektronische Beats bis hin zu Orgelklängen, ist die Stimmung theatral, sakral, operesk – immer wieder mit neuen Wendungen. Das Bühnenbild von Max Glaenzel arbeitet mit wenigen, aber wirkungsvollen zentralen Elementen und schafft damit Räume, die sich zwischen Theaterfoyer, Tanzstudio und Kunstinstallation bewegen. Die Kompanie – eigentlich müsste hier jede einzelne Person erwähnt werden, aber das sprengt den Rahmen dieses Textes, trägt das Publikum 70 Minuten lang mit enormer Energie und Präzision. Mit dabei auch Leroy Mokgatle – gerade als beste:r Darsteller:in Tanz beim diesjährigen Deutschen Theaterpreis „Der Faust“ (für die Rolle des Puk in Sommernachtstraum) ausgezeichnet. Und wenn Du aus der Wunderkammer ins Licht des Foyers trittst, taumelst Du zurück in die reale Welt mit Klängen und Bildern im Kopf, die nachhallen.
Text: Nina Trippel / Fotos: Marcos Morau
Komische Oper Berlin, Bismarckstr.110, 10625 Berlin–Charlottenburg; Stadtplan
Wunderkammer
@staatsballettberlin


