Regisseurin Laura Linnenbaum inszeniert Jakob Noltes Gegenwartsfassung von Maxim Gorkis „Kinder der Sonne“ als zweieinhalb Stunden dichte Milieustudie einer bürgerlichen Gesellschaft im Leerlauf und trifft damit erschreckend nah die Gegenwart. Zuerst fällt einem der Boden auf: Klebrig-glitzernd-schwarz bedeckt er die gesamte Bühne des Neuen Hauses. Er kriecht an Laternenpfählen hoch und verwandelt den Garten einer Villa am Stadtrand in einen Ort, den man eigentlich nicht berühren möchte – irgendwo zwischen Ölpest, seltener Erde oder verbranntem Asphalt. Was auch immer der Bühnenbildner Daniel Roskamp dort verlegt hat, es zwingt die Figuren des Stückes zur permanenten Bewegung, als wäre das Stillstehen auf dieser feindseligen Oberfläche schmerzhaft, ständig rutschen die Protagonist:innen runter und ab, so wie die Worte, die ungebremst aus ihrem Mund herausfallen. Drei Intellektuelle – ein Literaturwissenschaftler, seine Frau und seine traumatisierte Schwester – leben in einem Haus mit ständig kaputtem Gartentor. Umworben werden sie von einer Unternehmerin, einem Maler und einem Tierarzt, während die Haushälterin, ein Handwerker und der Vermieter am Rand stehen, oft wortwörtlich. Alle reden, miteinander, gegeneinander, meist aneinander vorbei. Niemand ist sympathisch, alle sind Antihelden. Und trotzdem fiebert man ungewollt mit, wenn sich das Drama der Bedeutungslosigkeit entfaltet. Sich ganz in das Stück fallen zu lassen, gelingt nicht sofort, die doppelte Unerträglichkeit von gespielter und realer Realität sitzt eng. Wenn man sich jedoch darauf einlässt, ist man plötzlich mittendrin, in diesem rasenden, sprachlichen Mahlstrom über die Relevanzen und Nichtigkeiten des Bildungsbürgertums, gestern wie heute. Was bleibt, ist eine ausgesprochen kluge Charakterstudie der studierten Gesellschaft, ganz ohne Moral.
Text: Hilka Dirks / Fotos: Gianmarco Bresadola
Berliner Ensemble, Bertolt-Brecht-Platz 1, 10117 Berlin–Mitte; Stadtplan
Kinder der Sonne bis 26.04.2026
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